Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Hamburg den 4ten Jun. 1836.
Verehrter Herr Kapellmeister!
Wenn wir, beyde vielbeschäftigt, und oft Jahre lang kein directes Lebenszeichen gegeben haben, so setze ich doch Ihre und Ihrer liebenswürdigen Gattin Freundschaft und Theilnahme noch eben so warm voraus, wie sie in meinem und meiner Frau Herzen geblieben ist. Auch ist mir noch in dankbarem Andenken, wie viel Sie einst, auf meine Empfehlung, für den kleinen Violinisten, Saint-Lubin, gethan und ich stehe daher nicht an, die mir gebotene Gelegenheit, mich1 in Ihr Andenken zurückzurufen, begierig zu ergreifen. Es wird Ihnen diese Zeilen ein Knabe von 12 Jahren, Nahmens Hermann Cohen, übergeben, der als Schüler des Herrn Jacob Schmidt aus Frankfurt a/M. (Bruder von Aloys Schmidt) bis jetzt viel Talent und den lobenswerthesten Fleiß beurkundet hat. Seine Mutter, unsre geschätzte Mitbürgerin, führt ihn nach Paris, um dort seine Ausbildung zu vollenden und indem sie beyde meine besten Wünsche zur Erreichung ihres Zweckes begleiten, erfülle ich gerne einen feurigen Wunsch des jungen Kunstadepten, indem ich hn auf seiner Durchreise durch Cassel, bey Ihnen einführe. Sein Aufenthalt wird ohne Zweifel nur wenige Tage dauern, aber Sie werden ihn, auch in diesem Zeitraum, durch Rath und, wenn Sie ihn hören und ihn dessen würdig finden, ohne Zweifel sehr nützlich und seiner Ausbildung förderlich seyn können. Durch die Erfahrung überzeugt wie gerne Sie diesen hohen und wohlthätigen Beruf erfüllen, danke ich Ihnen im Voraus dafür und wünschte nichts mehr, als das Sie mir einmal Gelegenheit geben möchten, Ihnen wieder irgend einen Dienst zu erweisen.
Von unserm Leben und Treiben Ihnen Mehreres mitzutheilen behalte ich mir für eine schicklichere Gelegenheit2 und mehr Musse vor; für jetzt nur so viel, daß unsere Gesundheit noch so ziemlich nachhält, während fast alle3 Eidgenossen unserer Jugend, unsere eigenen Geschwister nicht ausgeschlossen, um uns her absterben, und daß wir am meisten Trost und Aufforderung in zwey niedlichen Enkeln finden die uns unser jüngster Sohn (von dem ich Ihnen einmal mehr zu sagen gedenke, weil er sich der Oper gewidmet hat) geschenkt hat.
Indem ich mich und meine Frau Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin zu fortdauerndem freundlichen
Andenken empfehle, bitte ich Sie die Versicherung desselben von meiner Seite und meiner größten Achtung für den Menschen, wie für den Künstler, gütig aufzunehmen.
Ew. Wohlgeb.
ergebenster
CarlFriedrichErnstLudwig
| Autor(en): |
Ludwig, Carl Friedrich Ernst |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Cohen, Hermann Saint-Lubin, Léon de Schmitt, Jacob |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1836060447 |
Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Ludwig an Spohr, 25.11.1836.
[1] Hier gestrichen: „ich“.
[2] „Gelegenheit“ am linken Seitenrad eingefügt.
[3] Hier gestrichen: „jugendlichen“.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (20.01.2026).