Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Meiningen, d. 3 Nov. 35
Lieber Herr Kapellmeister,
Eine Bitte unser Theater betreffend, das vorgestern wieder eröffnet wurde, führt mich heute zu Ihnen; – könnten Sie sie erfüllen, würden Sie mir u. unserm Herzog einen großen Gefallen erzeigen, wo nicht, haben Sie wohl die Güte mich bald davon in Kenntniß zu setzen, – Ich nehme mir nämlich die Freiheit bei Ihnen anzufragen, ob Sie uns im Laufe dieses Winters nicht 4 Opern, (Partitur u Stimmen) jedoch nicht gleichzeitig, borgen könnten; – alle 4 Wochen eine der Opern, die wir nach 14 Tagen Ihnen unversehrt zurückzuschicken uns verbürgen. – Die Opern, die wir wünschen, sind 1) einer der Ihrigen, am liebsten Jessonda, da sie wohl mehr wie die Andern unsern Künstlern angenehm ist, 2) Titus, 3) Figaro’s Hochzeit, 4) Belagerung v. Corinth. – Sie müssen wissen, daß unser alle Gute befördernde Herzog einen Commitée, dem alle Theatergeschäfte anvertraut sind, ernannt hat, zu deren Mitgliedern außer dem Herrn v. Münchhausen, dem Assistenz-Rath Treiber, dem Dichter Bechstein auch ich gehöre, – mir ist die Oper mit ziemlich ausgedehnter Gewalt anvertraut u. wünsche ich nun auch, das Publikum mit klassischen Werken zu erfreuen u. zumal die deutsche Oper zu haben, zumal zur Bildung des Geschmacks der heranwachsenden Generation – der Intendant1 der Berliner Bühne hat nun gar dem Herzog seine musikalische Bibliothek zum baldigen Gebrauch offerirt – das wäre nun doch eine vernünftige Sache – darum wage ich den Versuch erst bei Ihnen anzufragen, da der Eilwagen Cassel u. Meiningen zu nahe gebracht. Wenn es möglich ist, thun Sie es gewiß, nicht wahr? – Sowohl mein, als des Herzogs aufrichtiger Dank würden Ihnen nicht fehlen. – Der Clavierauszug Ihres Oratoriums hat mir große Freude gemacht, es muß von gewaltiger Wirkung seyn, zumal der letzte Chor! –
Mein Bruder Ferdinand u. seine Freunde sprachen mit Begeisterung von Ihrer u. der Ihrigen Güte gegen Sie, – mit innigstem Bedauern aber2 erfuhr ich durch [???] den herben Verlust, den Sie erlitten3; – der Himmel bewahre Sie vor ähnlichen harten Prüfungen! –
Ist es denn wahr, wie die Leute sagen, daß Sie wieder heirathen – ? –
Es wäre gut für Sie, recht gut! – Theilen Sie mir doch mit, was dran ist u. wen Sie beglücken in allem; – wäre ich ein Frauenzimmer, müßten Sie mich heirathen. –
herzlich
Ihr treuer
Eduard Grund.
Viele Grüße Ihrer Therese u. den verheiratheten Töchtern u. Schwiegersöhnen! –
| Autor(en): |
Grund, Eduard |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Bechstein, Ludwig Bernhard II Sachsen-Meiningen, Herzog Grund, Ferdinand Münchhausen, Thankmar von Scheidler, Wilhelmine Treiber, Carl |
| Erwähnte Kompositionen: |
Mozart, Wolfgang Amadeus : Il Nozze di Figaro Mozart, Wolfgang Amadeus : La clemenza di Tito Rossini, Gioachino : Le siège de Corinth Spohr, Louis : Jessonda |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Meiningen> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835110339 |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Grund an Spohr, 20.03.1835. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Grund an Spohr, 17.01.1836.
[1] Friedrich Wilhelm von Redern.
[2] „aber“ über gestrichenem „ging u.“ eingefügt.
[3] Spohrs mit im Haushalt lebende Schwägerin Wilhelmine Scheidler starb auf der Sommerreise der Familie.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.07.2026).