Autograf: letzter Nachweis Verkaufsangebot Sammlung Heron-Allen des Musikantiquariats Hans Schneider, Tutzing o.J. (ca. 2000er Jahre)
Faksimile: „Violinists’ Letters. From Mr. Edward Heron Allen’s Collection. No. 3. Hubert Ries“, in: Cremona 2 (1908), S. 5f., 30f. und unpaginierter Tafelteil, hier unpaginierter Tafelteil
Druck: ebd., S. 30 (engl. Übers.)
Beleg: Autographen-Sammlung enthaltend Musiker-Briefe und Musik-Manuskripte aus dem Nachlasse des berühmten Komponisten Louis Spohr (1784-1859) nebst Beiträgen aller Art (Fürsten, Staatsmänner, Dichter, Gelehrte, Künstler, etc.) aus dem Besitz eines bekannten Berliner Sammlers. Versteigerung zu Berlin Montag, den 15. und Dienstag, den 16. Oktober 1894 (= Katalog Liepmannssohn), Berlin 1894, S. 63
Berlin d. 14t Sept. 1835.
Sehr geehrter Herr Capellmeister!
Ihr so langes Schweigen auf meinen letzten Brief vom 4t Juli setzt mich in die größte Verlegenheit, indem ich befürchten muß, daß Sie die Aufforderung zur Composition eines Quartett-Concerts für 2 Vio. Viola u Violoncelle1 zur Einweihung eines neuen Concert-Saales hierselbst mißfällig aufgenommen. Dennoch hängt meine Hoffnung noch so fest in der Erfüllung dieser Aufforderung, daß meine Quartett-Colegen mit mir jedesmal nach Beendigung unserer Uebungen in der Begeisterung Ihr Schweigen für günstig auslegen, und mit jedem Tage dem Postboten mit einem Paket entgegen sehen. Kömmt jedoch in einsamer Stunde wieder ein ruhiger und vernünftiger Augenblick, dann zweifle ich fast selbst, da die Zeit des Concerts (der 12t October) immer näher rückt.
Liegt es daher in den Verhältnissen, daß Zeit und Umständen Ihnen zu ungünstig waren, in die Composition zu verfertigen so bitte ich geehrter Herr Capellmeister mir meine Dreistigkeit zu entschuldigen; Wir sind dafür doppelt bestrebt, und ich werde statt des Quartett-Concerts ein Allo aus irgend einem Ihrer Concerte spielen, wenn Ed. Maurer (auch ein ehemaliger Schüler von Ihnen) sich nicht entschließt das doppelt Concert H moll von Ihnen zu spielen. Die Hoffnung zum Besitz Ihres Manuscripts kann ich nicht ganz sinken lassen, wenn gleich in ungünstigem Falle, zu einem der oben erwähnten Concerte ich mich in Bereitschaft halten muß.
Wir sind bei unseren Quartett Uebungen fleißig, und werden die Soirées zu Anfang des Monats November beginnen. – Mit dem übrigen Zustande der Musik hier ist es so schlecht wie es nie war; Mit Mühe nur werden die älteren Opern gegeben. Die hiesige Direction hat mit der Sängerin Fischer, den Sängern Pöck u Eichberger Unterhandlungen angeknüpft, doch scheint unsere M. Direction ihren Ruf für ganz Deutschland schon begründet zu haben, und Jeder sucht Verbindungen mit derselben zu vermeiden.
Lindpaintners Oper „Die Rosenmädchen“ ist kürzlich gegeben worden, doch ohne Erfolg.2 Der Geschmack ist so verdorben, daß nur die seichteste französische Musik, oder eine ganz betäubende noch einigen Erfolg hat.
In Erwartung einiger Zeilen, empfehle ich mich Ihrer ferneren Gewogenheit, und bitte nochmals um Entschuldigung meiner etwas unbescheidenen Bitte.
Mit der größten Hochachtung verbleibt
Ihr
ganz ergebenster
Hub. Ries
| Autor(en): |
Ries, Hubert |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Eichberger, Joseph Maurer, Eduard Pöckh, Joseph |
| Erwähnte Kompositionen: |
Lindpaintner, Peter von : Die Rosenmädchen Spohr, Louis : Konzerte, Vl 1 2 Orch, op. 48 Spohr, Louis : Konzerte, Vl 1 2 Va Vc Orch, op. 131 |
| Erwähnte Orte: |
Berlin |
| Erwähnte Institutionen: |
Königliche Schauspiele <Berlin> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835091440 |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Ries an Spohr, 03.07.1835. Der Postweg dieses Briefs überschnitt sich vermutlich mit Spohr an Ries, 15.09.1835.
[1] Offensichtlich liegt hier der Ursprung für die Idee des dann aber erst 1845 komponierten Quartettkonzerts op. 131 (vgl. Herfried Homburg, Louis Spohr. Bilder und Dokumente seiner Zeit, Kassel 1968, S. 42; Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 224).
[2] Vgl. F., „Aus Berlin“, in: Neue Zeitschrift für Musik 3 (1835), S. 171f. und 175f., hier S. 172.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (14.11.2024).