Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Ries,H.:2
Sr Wohlgeboren
dem Herrn Kapellmeister Dr L. Spohr
in
Cassel
Cito
fr1
Berlin d 3t Juli1835.
Hochgeehrtester Herr Kapellmeister!
Gleichwohl Sie meinen Brief vom v. M. kaum erhalten haben können, erlaube ich mir Sie noch um 2 Exempl. Ihres Oratoriums zu bitten, die von einer sehr musikalischen Familie namens Benda u einem Diletanten2 gewünscht werden.
Aus den Zeitungen habe ich Ihre Rheinreise ersehen und hoffe daß selbige Ihren Wünschen ganz ensprochen haben möge, um durch diese Erhohlung gestärkt, uns bald wieder neue Schöpfungen von Ihnen zu geben. – Möchten Sie daher einer ganz speziellen Bitte und Aufforderung zur Composition eines noch nicht vorhandenen Musikstücks gütiges Gehör geben, dessen Werth und Existens3 für die Zukunft nur durch Ihr Name gesichtert sein wird; nämlich, eine Quartett-Concertante für 2 Violinen, Viola u Violoncelle4 Ein Werk welches Seit dem neuen Aufschwunge der Quartett-Music in Deutschland gewiß schon öfter gewünscht worden, wozu aber eine Meisterhand erforderlich ist, und zu dessen Einführung in die musikalische Welt eine schöne Gelegenheit hier vorhanden wäre.
Es ist nämlich an der Stelle eines im vergangenen Winter abgebrannten Concert-Saal’s ein neuer Saal hier erbaut worden, welcher zu anfange Octobre eröffnet werden soll; Ich habe denselben vereint mit meinen Quartett-Collegen den Herren E. Maurer, Böhmer, und Just zur musikalischen Einweihung gemiethet, welche am 1sten oder 8t Octobre statt finden soll.5
Die hauptsächlichsten Nrn des Repertoires sind folgende: Ouverture zu Leonore v. Beethoven, eine Rede, Arie v Mozart, Concertante für 2 Violinen, Viola und Violoncellexx6, wenn der Himmel uns wohl will, und Sie geehrter Herr Kapellmeister ein solches Werk als Manuscript, unter der Verbürgung es nicht aus meinen Händen zu geben, und nach dem Concert denselben gleich zurück zu7 senden, mir anvertrauen wollten?!! Fest-Ouverture v. F. Ries, 1stes Allo aus einem Clavier Concert v. Beethoven &c &c das Uebrige findet sich noch. –
Sie ersehen wohl aus diesem Repertoir, daß es uns nicht blos um den Beifall der Menge zu thuen ist, sondern dahin streben, den Künstler und Kenner zu befriedigen. Durch Ihr Werk könnten Sie diesem Concerte den schönsten Reitz geben, wenn Sie den glücklichen Augenblick einer regen Fantasie nicht vorüber gehen ließen, und diese Interessante doch auch schwierige Arbeit schafften, wodurch Sie sich gewiß den Dank aller Virtuosen erwerben. Es wäre uns um so wünschenswerther dasselbe in diesem Concerte spielen zu können, da in den ersten Tagen des Monats Novembre unsere Abon. Quartett für den nächsten Winter wieder beginnen, und mir durch dieses Concert Gelegenheit hätten, den Unterdrücker alles Beßeren hier (gelinde gesprochen) einen Daumen auf’s Auge zu drücken, und uns auch vereint als Solospieler zu zeigen. – Doch hängt es jetzt vom Meister ab, wenn seine Jünger in seinem Weinberge arbeiten sollen. – Doch gestehe ich es Ihnen aufrichtig, daß ich meinen Hoffnungen nie so gerne Raum gegeben habe, als hier, und sehe getrost ein paar freundliche Zeilen von Ihnen entgegen.
Mit ausgezeichneter Hochachtung stets
Ihr
ergebenster
Hub. Ries
P.S.xx vielleicht wäre eine Orchester Einleitung Allo{8] zu einem Adagio, und großen Allo Brillante eine zweckmäßige Form, da ein ganzes Concert in 3 Sätzen zu volumineus sein mögte[.]
| Autor(en): |
Ries, Hubert |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Böhmer, Carl Just, August Maurer, Eduard |
| Erwähnte Kompositionen: |
Beethoven, Ludwig van : Ouvertüre zur Oper „Leonore”, 3 Beethoven, Ludwig van : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 131 Ries, Ferdinand : Ouvertüren, op. 172 |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835070340 bitlx |
Dieser Brief folgt in dieser Korrespondenz auf Ries an Spohr, 19.06.1835. Spohr beantwortete diesen Brief am 15.09.1835, dessen Postweg sich mit dem von Ries an Spohr, 14.09.1835 überschnitt.
[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts oben der Poststempel „BERLIN 11-12 / 4 / 7“, auf der Rückseite des zusammen gefalteten Briefumschlags befindet sich der Stempel „7 JUL[Y] 1835“.
[2] Noch nicht ermittelt.
[3] Sic!
[4] Offensichtlich liegt hier der Ursprung für die Idee des dann aber erst 1845 komponierten Quartettkonzerts op. 131 (vgl. Herfried Homburg, Louis Spohr. Bilder und Dokumente seiner Zeit, Kassel 1968, S. 42; Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 224).
[5] Vgl. „Berlin, den 4. Octbr. 1835“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 37 (1835), Sp. 701-704, hier Sp. 703.
[6] Die hochgestellten xx beziehen sich offensichtlich auf das Postscriptum.
[7] Hier gestrichen: „erhalten“.
[8] „ Allo“ über der Zeile eingefügt.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (14.11.2024).