Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Wohlgeborner
Hochgeehrtester Herr Director!
Verzeihung einer Unbekannten die es wagt Sie mit diesen Zeilen zu belästigen und Sie in einer, der Musik betreffenden Angelegenheit, um Ihre Gewogenheit gehorsamst zu bitten; Ihre uns mehrseitig bekannten, menschenfreundlichen Gesinnungen flößten uns Muth ein.
Ich übernehme die Erziehung zweier Kinder, einer Stieftochter, Bettina Hüger, und einer Nichte Antonia Callenberg und fand bei gleich mäßiger Ausbildung alles dessen, was einem weiblichen Wesen nöthig ist, auch bei beiden Anlagen für die Tonkunst die ich nach Kräften mich auszubilden mit bestrebte; die Kunder sind nun in ihrem 14. Lebensjahr; Bettina hat eine reine, angenehme und starke Sopran-Stimme; Antonia hat sich eine tüchtige Fertigkeit auf dem Pianoforte erworben, sie spielt schon Sachen z. B. das Concert von Hummel A. moll und beide tragen das Eingeübte mit so vieler Präzision vor, als es sich von ihrem Alter erwarte läßt; sehr nachtheilig ist es wohl für beide, daß sie noch nie die Gelegenheit hatten große Tonkünstler zu hören, diese jungen Mädchen wünschten nun, sich ganz der Tonkunst zu widmen um einst als reisende Tonkünstlerinnen auftreten zu können. Nun frägt es sich it. haben sie wirklich die hiezu nöthigen Anlagen? – 2t. welcher Mittel bedarf es um ihnen die noch fehlende1 Ausbildung zu geben. – Sie verehrtester Herr Director, könnten am beßten hierin entscheiden und dies ist die Bitte mit der ich wage mich Ihnen zu nähern
Wollten Sie nur diese Bitte gütigst gewähren und uns Ihre Gewogenheit schenken, so könnte ich ohngefehr gegen die Mitte des Monats August eine Reise nach Cassel2 machen und die Ehre haben Ihnen meine beiden Zöglinge zur Prüfung vorzustellen; auch kann ich Ihnen von der hiesigen Obrigkeit Atteste vorzeigen damit Sie nicht zu fürchten brauchen Ihre Gewogenheit an Unwürdige zu verschwenden.
Ich wage es nochmals meine Bitte zu wiederholen und füge noch die herzu; mich mit einer kleinen Antwort zu beehren
Das wahre Wohl dieser gute ohne mich verwaisten Kinder ist der einzige Gegenstand meiner irdischen Wünsche; ich selbst stehe am Abende des Lebens welches durch die härtesten Schicksale getrübt wurde
Genehmigen Sie die Versicherung der vorzüglichsten Hochachtung mit der ich3 die Ehre habe mich zu nennen
Euer Wohlgeborn
gehorsamste Dienerin verwittwete
Doctor Hüger geb. Antonia
Callenberg
in
Oelde Regierungsbezirk
Münster
Oelde d. 10t. Juni
1835.
| Autor(en): |
Hüger, Antonia |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Callenberg, Antonia Hüger, Bettina |
| Erwähnte Kompositionen: |
Hummel, Johann Nepomuk : Konzerte, Kl Orch, op. 85 |
| Erwähnte Orte: |
Kassel |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835061047 |
Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hüger an Spohr, 09.12.1835.
[1] Hier gestrichen: „fehlende“.
[2] Zur Reise vgl. „Angekommene Fremde vom 8. bis 10. September 1835“, in: Paderbornsches Intelligenzblatt (1835), S. 974.
[3] „ich“ über der Zeile eingefügt.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.11.2025).