Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287 

Sr Wohlgeboren 
des Herrn L. Spohr
Dr u Capellmeister 
in
Cassel 

frey1


Preuss. Minden d 4t Juny
1835. 

Wohlgeschätzter Herr Doctor! 

Stets war der Tag, an dem ein Brief von Ihnen eintraf, ein Freudentag; doch hat Ihre letzte freundliche Zuschrift mehr als Freude verbreitet. Wie unendlich freue ich mich, Sie werther Herr Doctor endlich einmal wiederzusehen; der allmächtige Gott gebe, daß ich als denn nicht nöthig habe mich so bald wieder von Cassel zu trennen.
Sie äußerten zugleich den Wunsch,2 für mich Befehl3, daß ich doch vorher nach Hannover gehen solle. 
Doch ich wußte vorher, wie es auch so ziemlich gegangen. Wie ich in Hannover ankam war schon ein Herr Günther dort vom Düsseldorfer Theater u so gut wie engagirt. Er sang gleich den Tag nach meiner Ankunft den Casper im Freischütz u den Leporello im Don Juan u wurde engagirt. 
Von mir armen Schelm wurde gar wenig Notiz weiter genommen. Herr v Hollbein schien sogar nicht mal recht zu wissen daß an mich geschrieben wäre. Der Herr Capellmeister Marschner, der schon früher mit mir correspondirte, schien sich über meine jetzige Anwesenheit zu ärgern u behandelte mich gar en bagatelle. O Herr Doctor das thut noch, sehr wehe, Gott verzeihe es den Leuten. Der Graf Platen verreiste gleich darauf. 
Ich war nun aber einmal da und wollte nun mich gern mein Lichtchen leuchten lassen. Doch das hielt schwer. So wie man mir sagte, seyen alle Tage schon mit Gästen besetzt, man wüßte nicht wie man mich hineinschieben solle. Ich wurde von Hollbein zu H. Marschner u von diesem wieder zu jenem geschickt. Endlich entschloß ich mich zwischen 2 kleinen Stücken zu singen, eine Scene aus dem Opferfest u eine aus der Schweizerfamilie.4 Es geschah. – Ob ich den Herren von der Direction gefallen weiß ich nicht; dem Publico aber, insofern man auf Beifallklatschen u Zurufe gehen kann, schien ich nicht ganz mißfallen zu haben. – Ich erhielt am andern Tage mein Geld u sitze jetzt wieder hier u schreibe an Sie, an den einzigen Mann in der Welt (kann ich mit recht sagen) der mich an Theatern aufrecht erhalten hat. Entsinnen Sie sich noch vor 2 Jahren? Ich war fast der Verzweiflung nahe, da traf ich Sie. 
Gott lohn es Ihnen. Ich werde es nie! nie! vergessen; und sollte ich auch nicht das Glück haben in Cassel zu reüssiren, dennoch wird es stets mein Stolz u meine Freude bleiben von Ihnen Herr Doctor beachtet zu werden. 
Warum aber möchte ich fragen sollte mir nicht auch mal das Glück zu Theil werden an einem besseren Theater zu stehen. Ach ich bin ja mit so wenigen zufrieden, weil mich ja einschränken wenn ich nur das Glück haben kann in Ihrer Nähe zu seyn u von Ihnen zu lernen. – Bitte! werden Sie nicht böse über meine Schreibereyen, es thut mir aber unendlich wohl wenn ich mich einmal aussprechen darf.
Hätten Sie wohl die Güte mich vorher noch mit ein Paar Zeilen zu erfreuen wie ich mich zu verhalten u wann ich dort eintreffen muß??
Bei Ihrem Wohlwollen glaube ich keine Fehlbitte zu thun, und so mit empfehle ich mich Ihrem gütigen Andenken bestens u bleibe mit größter Hochachtung u bleibe 

Ew Wohlgeboren
gehorsamster
Ludwig Burmeister
.//.

Autor(en): Burmeister, Ludwig
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Günther, Carl Wilhelm
Holbein, Franz von
Marschner, Heinrich
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835060446


Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Burmeister an Spohr, 11.02.1835.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts unten ein stark verwischter Poststempel, auf der Rückseite des zusammengefalteten Briefumschlags der Stempel „9JUNY1835“.

[2] Hier gestrichen: „ich“.

[3] Hier gestrichen: „ich“.

[4] Zum Auftritt am 29.05.1835 vgl. „Hoftheater zu Hannover. Repertoire vom 29. Mai bis 3. Juni 1835“, in: Allgemeine Theater-Chronik 08.07.1835, S. 3.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.04.2026).