Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr Wohlgeboren 
dem Herrn Capellmeister 
L. Spohr
Cassel 

frey1


Preuss. Minden d 3t Febr 
1835. 

Sehr geehrter Herr Capellmeister! 

Schon lange hegte ich den Wunsch die freundlichen Güte, welche Ew. Wohlgeboren mehrmals gegen mich geäußert, wiederum brieflich in Anspruch zu nehmen; doch die Verhältnisse in welchen ich, seit ich Lübeck durch Aufhebung des Comitte’s verlassen mußte, lebte, waren so drückend und niederschlagend, daß ich nichts mehr von mir hören lassen mochte. 
So bin ich denn jetzt zu der Ueberzeugung gekommen, daß es besser ist ein ruhiges wenn auch bescheidenes Plätzchen zu besitzen, als vom Zufall bei diesen, zum Theil wirklich schrecklichen reisenden Gesellschaften unhergeworfen zu werden.2 Eine ähnliche der Art ist die unsrige des Herrn Conradi. Er hat nur eine gute Seite, die: pünktlich zu zahlen. – Dafür aber wird man bis aufs Blut gequält. – Meine Stimme kennen Sie Herr Capellmeister, doch war ich damals sehr befangen, auch kann ich wohl mit Recht sagen daß ich nicht stehen geblieben bin. Nun würden Sie Sich den lebenslänglichen Dank eines rechtschaffenen Mannes verdienen, wenn Sie mich von dieser Folter erlösten. – 
Sollte es nicht möglich seyn, mich am dortigen Hoftheater für Chor u kleine Parthien in der Oper zu placiren. Vielleicht werde sich ein ähnliches auch dann für meine Frau darbieten, welche noch sehr jung u in vielen Chören einstudirt ist. – 
Es ist hart! Ich weiß was ich wünsche; weiß wie der Chorist an solchen Theatern gestellt ist. Ich habe aber soviel Mißgeschick in meinem Leben erfahren, daß es mir nur darum zu thun ist der drückensten von allen Sorgen enthoben zu seyn, nämlich: alle 4 oder 6 Wochen seiner Existenz wegen in Angst u Furcht leben zu müssen. – Ein ähnliches steht mir auch hier wieder bevor. Mein armes Weib, von einer sehr schweren Krankheit noch nicht völlig hergestellt, ist der Direction schon lange ein Dorn im Auge, da sie ihre Gage bekommt und seit 4 Wochen nichts dafür gethan hat. – Darum Herr Capellmeister wenns irgend möglich ist so lassen Sie mich nicht um sonst gebeten haben und nehmen Sie Sich unserer freundliche an. Fleiß u vielen guten Willen können Sie bey mir voraussetzen. Vor allen Dingen bitte ich aber um gütige Aufnahme meines Schreibens und um eine gütige Antwort (wenn es Ihre Zeit erlaubt.) Schon freue ich mich von ganzer Seele darauf und nenne mich mit aller Hochachtung 

Ew. Wohlgeboren 
gehorsamster 
L. Burmeister
.//.

Autor(en): Burmeister, Ludwig
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Burmeister, Henriette
Conradi (Schauspieler)
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835020346


Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts unten der Poststempel „MINDEN / 3 FEBR“, auf der Rückseite des zusammengefalteten Briefumschlags der Stempel „7 FEB 1835“.

[2] Zu Burmeisters Auftritten in Minden vgl. „Minden, den 27. Jan.“, in: Sonntagsblatt <Minden> (1835), S. 39f., hier S. 40; „Minden, den 5. Februar“, in: ebd., S. 47; „Minden, den 10. Februar“, in: ebd., S. 56; „Minden, den 17. Februar“, in: ebd., S. 61f., hier S. 62; „Minden, den 20. Mai 1835“, in: ebd., S. 167.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.04.2026).