Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Erfurt den 15. Novbr. 1834.

Geehrtester Herr Kapellmeister
u. g. D. L.1

Seit einem Jahr habe ich ein poetisches Werk fertig, auf welches ich eine Zeitlang meinen größten Fleiß verwendet hatte. Es heißt „Er und Sie, oder das Alphabet der Liebe“2; indem es eine Herzens- oder Liebesgeschichte in 50 Liedern (alle von gleicher Länge, und bestimmten abwechselnden musikalischen Charakter) enthält, die zugleich im Titel und Anfang strenge dem Alphabet von a bis tz folgen, die einfachen und zusammengesetzten Buchstaben alle enthaltend. Letzteres wäre nun fräglich nur eine Künsteley und Nebensache: wenn ich nicht zugleich sonst auf Darstellung, Wohllaut und Mannigfaltigkeit gesehen hätte. Aber so glaube ich nicht unglücklich im Ganzen wie im Einzelnen gewesen zu seyn, wie Ihnen beide beyliegende Beyspiele vielleicht beweisen werden; dabey hat jedes seinen besonderen Ausdruck des Gefühls und besonderes passendes Versmaß.
Diese wünschte ich nun von den Künstlern und Kunstfreunden, blos das mittleren Deutschlands, Thüringen im weiten Sinne, componirt zu erhalten, um einerseits dem Publicum damit ein wirklich angenehmes und werthvolles Geschenk zu machen, und von den lebenden Kindern und Zöglingen unseres Vaterlandes ein freundliches Denkmal hinzustellen, theils endlich ein paar andere nicht werthlose aber pecuniär verunglückte Unternehmungen (Gedichte3 – Gökelhahn4 – Fabelwoche5) damit vielleicht zu decken und wieder gut zu machen.
Nun sind schon davon mehr als die Hälfte componirt, doch fraglich nicht alle von gleichem Werthe, und ich muß also wohl einen Theil daran zurück legen.
Aber besonders wünsche ich das Erste, was die Einleitung, die dramatische oder geschichtliche Exposition des Ganzen bildet, und vielleicht mehr oder weniger durchcomponirt werden müßte, während die andren meist genau ein und dasselbe Gefühl ausdrücken, von Jemand bearbeitet, der mächtig wäre, damit an der Spitze des Ganzen zu stehn.
Und deshalb habe ich längst gewünscht, daß das Lied selbst Ihnen so weit gefallen könnte, um Sie zu bewegen mich durch diese Composition (für Clavier und Gesang) zu beglücken, und selbst die Musikfreunde durch diese Ihre gütige Theilnahme zu verbinden. Die andern Herrn Theilnehmer habe ich als Gegengefälligkeit ein Exemplar von dem Ganzen auf bestes Papier und ebenso ein Exemplar einer zu veranstaltenden Ausgabe meiner sämmtlichen poetischen Werke, gleichfalls bestes Papier, angeboten. Ich wage überdieß hinzuzufügen, daß Sie, wenn ich Ihnen als Dichter gegenseitig dienen kann, und Sie irgend einen Wunsch etwa in Betreff eines Textes haben, sich nur gefälligst darüber baldmöglichst aussprechen mögen, um mir Gelegenheit zu geben, Ihnen hinwiederum eine Erkenntlichkeit zu beweisen.
So lege ich Ihnen zugleich zur Ansicht einen Text bey, den ich kürzlich vollendet habe, und worin ich einen tüchtigen Musiker Gelegenheit geben wollte, etwas Ausgezeichnetes, etwa wie Haydns Schöpfung, zu schaffen. Könnte er Ihnen angenehm seyn, so bitte ich, mir Ihre Meinung zu sagen und Ihre gefälligen Anerbietungen zu machen. Wo nicht, so muß ich mir baldige unmittelbare Zurücksendung erbitten, um ihn weiter versenden zu können.
Sollte Ihnen in dem „Alphabet der Liebe“, worin gewöhnlich Er und dann Sie mit einem Liede abwechseln und nur einige Duo’s vorkommen, lieber ein solches zur Composition gefällig seyn: so erlaube ich mir, so gleich eines beyzufügen, nro 30, Litt. P, wo die Liebenden sich trennen müssen, indem Er plötzlich ins Feld gerufen wird.
Und endlich, so würden Sie Ihre freundliche Theilnahme und meine Verpflichtung vollständig machen, wenn Sie die Güte hätten, mir bald ihren Entschluß und Wunsch zu wissen zu thun; um so mehr, da ich jetzt, wo ich auf die Ankündigung dachte, und die Herausgabe in mehreren Lieferungen oder Heften vorbereiten wollte, etwas Ähnliches, fräglich nicht Zusammenhangendes, keine Einheit bildendes, von einer Buchhandlung in Frankf. a/M. angekündigt finde.6 Mit aller Hochachtung
u. b. L.7

Ihr ergebenster J. J. Kummer, Hülfs-
prediger.

Autor(en): Kummer, Johann Jeremias
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Haydn, Joseph : <%Die%> Schöpfung
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1834111546

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[1] Abk. noch nicht aufgelöst.

[2] Johann Jeremias Kummer, Er und Sie, oder das Alphabet der Liebe, Erfurt 1837.

[3] J. J. Kummers Gedichte, 4 Bde., Erfurt 1824-1826.

[4] Ders., Der kluge Quökelhahn. Eine schöne Geschichte in Versen, Erfurt 1829.

[5] Ders., Die Fabelwoche. Eine Reihe neuer, sittlich religiöser Fabeln für das kindliche Herz über das ganze Gebiet der Lebensklugheit und Sittlichkeit, Erfurt 1831.

[6] Noch nicht ermittelt.

[7] Abk. f. „und besonderer Liebe“?

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.11.2025).