Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Cassel, um 14. Julius 1833. 

Hochgeehrter Herr Capellmeister! 

Schon vor acht Tagen hatte ich an Sie geschrieben, um Ihnen einige Casseler Neuigkeiten mitzutheilen; mein Vater sollte den Brief adressiren, ich steckte ihn, d. i. den Brief in die Tasche und habe ihn später daselbst wiedergefunden, indem Adresse und Expedition vergessen war. Alte Briefe sind langweilig; Göthe behauptet man könne bei der Eröffnung eines Briefes, den man vor längerer Zeit geschrieben habe, immer ähnlichen Schrecken bekommen, als wenn man sich in einem Schreiben selbst fürchtet. – Doch will ich die beiden Bogen als Anlagen anschließen, sofern Ihnen manche Notiz Spaß machen könnten.
Wir wissen nun auch mit den Halberstadter Feierlichkeiten Bescheid; der Bericht von Ihrer Concertante, und wie sie gefallen, hat mir am meisten Vergnügen gemacht während es mich ärgert, daß Sie nicht die c moll Symphonie dirigirt haben1, weil es gewiß keiner so gut kann. Ich wenigsten muß allemale von Ihnen in das Maĕstoso hineingeworfen und getreten sein, damit alles Herbe, was in den krassen Tempiwechsel liegt auf’s blitzschnellste an mir vorübersause. 
Gestern ladete uns ein Orgelspieler, Vogel von Berlin in die Brüderkirche; er hatte so etwas von Bach fallen lassen, und ich war, eh die Stunde geschlagen hatte, schon an der Kirchthüre. Natürlich brachte er aber die Notenschrift nicht mit, um sich mit Gedächtnissfehlern entschuldigen zu können. Das haben wir schon mehr gehabt. Er ist übrigens bei Weitem nicht so bedeutend, als Hesse, dessen Pedale etwas ganz Vorzügliches bleibt.
Ich habe dabei aufs Neue so recht lebhaft empfunden, wie der Orgel nur die allergewaltigste Musik ansteht, Musik, wie Michel Angelo gemalt hat, und wie wir bei Bach sie in seinen Toccaten pp finden; niedliche, weiche, rührende Sachen sind unschön auf einem gewaltigen Instrumente, und die Fugenkunst unsrer Zeit ist ein Halb-, ein bloßes Scheinleben, weil die Fugen Musik für uns abgethan ist. Herr Vogel spielte eine sehr gut gearbeitete Fuge (Hauptmann hat das bestätigt) die mir doch keinen andern Eindruck machte, wie eine schön marmorirte Wand, und phantasirte uns noch ein 20 Ellen Cattun daran, daß ich gern wieder nach Hause ging. Merkwürdig war noch der erste Satz einer Orgelsymphonie, die er uns zum beßten gab, höchst lächerlich die Nachahmung des Instrumentalwesens, der kurzen Striche, und des pizzicato’s der Bässe. Aber er hat, dünkt mich, in so fern allerdings Recht, daß er unsere classischen Formen, Sonate pp für die Orgel nutzt; das müssen alle Organisten thun, wenn sie schreiben wollen; für ihre Fugen, und Trio’s und Variationen danke ich; aus deren variirten Chorale möchte ich aber gern allemal hören, wie Einer im Alterthume Bescheid weiß. – 
Aus der Kirche gingen wir auf die Bierkeller, und da hat uns Schmelz denn endlich einmal nach Herzenslust erzählt; vor Allem hat es mich amusirt, wie Sie bei H Dr Matthäi Han im Corbe bei circa 508 Hühnchen haben sein sollen 
Die Ihrigen befinden sich, wie Sie Ihnen selbst gemeldet haben werden, sammt und sonders recht gut; – Cassel sieht sehr ruhig aus, der Prinz steigt in der Volksgunst; das Ministerium hat mit den Landständen vorgestern gesessen; Trott hat zur ersten Zeit, an demselben Abend nämlich den Herren eine Soirée gegeben, die ihm nicht theuer gekommen sein soll.
Nachträglich ist noch Herr von Schwertzell für irgend einen Standesherrn durchgefallen; er bezog sich zu seiner Legitimation auf ein Schreiben seines Vaters, worin ihn dieser das Gut Ottrau übertrug; er ist deshalb abgeführt, weil bei uns ein Grundeigenthum nur vor Gericht übertragen werden kann. Hassenflug soll sich abscheulich geberdet haben, ehe er sich zum mündlichen Verhör hat entschließen wollen; er hat aber natürlich herhalten müssen2; der Maurer und seine Frau (Reinhold oder Reinbold) welche die Uniformen, Schals verderbt, und bei’m Schreiner Lücker Feuer angelegt hatten, sind zu 10 Jahr Eisen- und resp. Zuchthausstrafe verurtheilt; das Urtheil aber ist öffentlich bekannt gemacht worden.
Merkwürdig ist es daß diese Leute doch noch Niemand compromittirt haben, obwohl Jedermann überzeugt ist, sie haben es für fremdes und vornehmes Geld gethan. – Bedenkt man, daß ein auffallendes Wohlleben den ersten Verdacht auf diese, sonst sehr armen Leute erregt, so ist daran auch keineswegs zu zweifeln. Obschon der Major Schirmer seine Jäger alle möglichen Opernchöre mit Regiments Musik einstudiren lässt, und Bochmann gegenwärtig den Templer3 in den Islam übersetzt4, so habe ich oftenmals einen rechten Jammer nach gemeinschaftlicher Freude. Hasemann ist gestern, Gottlob, auf Urlaub gegangen; ich unterhalte mich noch damit, die Mathilde auf’s Clavier zu zwingen. Empfehlen Sie meine Frau und mich den verehrten Ihrigen, und genehmigen Sie die Versicherung meiner innigsten Ergebenheit, mit der ich zu verharren die Ehre habe 

Ihr gehorsamster 
FNebelthau.



Diesem Brief lag der hier erwähnte, zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgesandte Brief Nebelthau an Spohr, 07.07.1833 bei. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Nebelthau an Spohr, 27.02.1834.

[1] Direktion von Beethovens 5. Sinfonie op. 67 durch Friedrich Schneider; Spohr dirigierte zuvor Mozarts C-Dur-Sinfonie KV 551 (vgl. „Das sechste Elb-Musikfest, gefeyert zu Halberstadt am 19ten, 20ten und 21sten Juny“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 35 (1833), Sp. 496ff., hier Sp. 497).

[2] Zur mündlichen Vernehmung Minister Hassenpflugs im Rahmen einer der gegen ihn erhobenen Ministeranklagen am 10.07.1833 vgl. Ewald Grothe, Verfassungsgebung und Verfassungskonflikt. Das Kurfürstentum Hessen in der ersten Ära Hasenpflug 1830-1837 (= Schriften zur Verfassungsgeschichte 48), Berlin 1996, S. 253f.

[3] Hier gestrichen: „für seine(?)“.

[4] Offensichtlich arrangierte Rudolph Bochmann, Flötist der Hofkapelle und Musikmeister des Leibgarde-Musikkops, Nummern aus Der Templer und die Jüdin für Blasorchester.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.04.2026).