Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr Wohlgeboren
dem Herrn Kapellmeister
Dr Louis Spohr
zu
Hessen Cassel

Hochgeschätztester Hochzuverehrenster
Herr Capellmeister!

Schon längst1 wollte ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen nochmals meinen wärmsten Dank für Ihre liebevolle Güte und Theilnahme während meines Aufenthalts in Cassel abzustatten, und Sie von meinen jetzigen Verhältnissen in Kennniß zu setzen, aber in der That, ich fand im Anfang so viel zu thun und in Ordnung zu bringen, und auch jetzt noch weiß ich kaum Zeit genug zum eignen Studkum zu gewinnen, zwar wird sich das schon mit der Zeit geben, und ich wundere mich selbst, wie ich mich so schnell in meinen Platz gefügt habe. Da Sie selbst Herrn Professor Fröhlich persönlich kennen, bedarf es von meiner Seite nicht zu sagen, daß ich in ihm einen Mann gefunden habe, der es wahrhaft mit der Kunst meint, und der eine besondere Gabe besitzt, so rohe Massen wie unsere Leute sind in so kurzer Zeit (mänlich alle 2 Jahre kommen neue Schulkandidaten) so zusammen zu setzen, so darf man wirklich sagen; aber die Sachen die einstudirt werden gehen mit großer Künstlichkeit, und ich muß gestehen, daß ich solche Kraft (es sind über 50 Geigen 8 Cello 6 Contrabässe pp) noch nicht gehört habe, zu dem arbeitet Herr Professor täglich daran daß die Schüler jede einzelne Stelle richtig auffassen und wiedergeben, deßhalb muß der Dirigent das Orchester Stelle für Stelle durch gehen, den Character jedes Gedankens erklären, und selbst vorspielen, und so werden die Leute angehalten nach und anc selbst zu fühlen, die Fortes mit größter Energie, die pianos desto milder und zarter zu geben, und überhapt nicht nur die einzelnen Lautschattierungen heraus zu hebn, sondern auch die Hauptgedanken mit ihren Durchführungen richtig hervortreten zu lassen, so daß Effecte heraus kommen, die man selten hört; bedenkt man, daß die Leute im technischen noch ungeheuer zurück sind, und wie wenig Zeit sie zum üben habn, da sie sich dem Schulhause widmen, so ist es um desto mehr zu bewundern, was mit ihnen H Professor ausführt. – Nach dieser kurzen Beschreibung können Sie sich leicht denken, werther Herr Kapellmeister, was Herr Professor von einem Lehrer am Institut und vom Dirigent des Orchesters verlangt, und ich muß gestehen, daß ich im Anfang mich zu schwach fühlte, einen solche Platz zu übernehmen, aber durch die Nachsicht und Güte des H Profess. gelang es mir, bis jetzt seine vollkommene Zufriedenheit zu erlangen. –
Mein erstes Concert was ich hier spielte was das 12t von Ihrer Composition; ich hatte das Glück zu gefallen, aber ich weiß recht gut, daß es nicht mein Spiel war, was gefiel, sondern einzig und allein Ihre Schule; denn Sie wissen selbst am besten, wie weit ich noch hin habe, auch nur das leichteste von Ihrer Composition vortragen zu können. – Herr von Würzburg war sehr erfreut, als ich ihm Ihren Gruß ausreichtete, und welche großer Verehrer er von Ihrer Composition sowohl als auch von Ihrem Spiele er ist können Sie daraus ableiten, daß er mich ersuchte, ihm Ihre Compositionen einzustudiren. Wir nahmen das e dur Quartett durch, aber nach 3 Stunden, die ich ihm gegeben habe, muß er es entweder genug gehabt haben, oder ist er abwesend, vielleicht auch unwohl, kurz ich habe die Zeit nicht mehr das Vernügen gehabt, ihn zu sehen. –
Ich schließe mit der Bitte mich Ihrer werthen Frau Gemahlin und Famill2 bestens zu empfelen, und bleibe stets mit ausgezeichneter Hochachtung und Liebe Euer Wohlgeb.

dankbarer Schüler
Ernst Reiter
bei Herr Cassier Reuß, Augustiner
Gasse No 234.

Autor(en): Reiter, Ernst
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Fröhlich, Franz Joseph
Reuß, Michael
Würzburg, Joseph von
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 79
Spohr, Louis : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 45.2
Erwähnte Orte: Würzburg
Erwähnte Institutionen: Musikschule <Würzburg>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833021541


[1] Reiter traf am 10.12.1832 spät abends in Würzburg ein; aus Kassel war er offensichtlich am 05.12. oder kurz darauf abgereist (vgl. Ernst Reiter an Georg Reiter, 13.12.1832, in: Universitätsbibliothek Basel (CH-Bu), Sign. NL 57 : A:II:c:4).

[2] Sic!

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.11.2025).