Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr, L. 14
Druck: Till Gerrit Waidelich, „Spannungen zwischen Carl Maria von Weber und Louis Spohr im Spiegel ihrer Korrespondenz“, in: Weberiana 24 (2014), S. 117-144, hier S. 125

Cassel den 5ten
December 29.

Wohlgeborner,
Hochgeehrtester Herr Hofrath,

Empfangen Sie meinen besten Dank für Ihren freundlichen Brief und den Bericht über die Aufführung des Faust.1 Fast ein Dutzend meiner Bekannten haben mir darüber geschrieben2; aber fast ein jeder hat eine andre Ausstellung zu machen, doch stimmen sie darin überein, daß die Oper von der Direction gut ausgestattet und von dem Personal mit Liebe gegeben und vom Publiko freundlich aufgenommen worden sey. Und so muß ich mich denn trösten, daß mir meine, jezt besonders häufigen Geschäfte nicht gestatteten, der ersten Aufführung beyzuwohnen.
Ihre Oper Alfred betreffend, so bin ich leider immer noch nicht in der Lage, Sie um gefällige Mittheilung derselben bitten zu können. Durch das Durchgehen der einen Primadonna3 und das Wochenbett der andern (Madame Roller-Schweitzer) liegt unsere Oper ganz darnieder, und wir haben seit Wiedereröffnung des Theaters, seit den Ferien gar nichts Neues studiren können. Selbst meine eigene Oper, die zum Geburtstag des Kurfürsten gegeben werden sollte, hat noch nicht wieder vorgenommen werden können. Wie wenig ich dazu kommen kann, die Sachen, die ich vorzugsweis gern in Scene setzen mögte, nämlich deutsche Nationalopern, vorzunehmen, möge der Umstand bezeugen, daß hier bis jezt weder Die Räuberbraut von Ries, noch irgend eine von den Wolframschen Opern, noch eine von den zahlreichen anderen Werken der letzten Zeit von Alois Schmidt, Reisiger, Pixis, Schnyder v. Wartensee u.s.w. hat gegeben werden können, obgleich sie alle für unser Theater angetragen worden sind und ich den besten Willen habe, sie zu geben. - Jezt werde ich schon wieder gedrängt, den Wilhelm Tell von Rossini einzustudiren und ist dieser beseitigt, so hat vieleicht Auber wieder ein Werk geschrieben was Epoche macht und was man auch auf unserm Theater zu hören verlangt und so wird hier wie anderwärts den gediegenen vaterländischen Werken der Weg versperrt und ich muß die Zeit an ephemere Modeprodukte verschwenden!
So wie mir die Umstände erlauben werden, an Ihr Werk zu denken, werde ich sogleich die Ehre haben, Sie davon zu benachrichtigen.
Mit vorzüglichster Hochachtung habe ich die Ehre zu seyn

Ew. Wohlgeb.
ergebenster Dr.4
Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Schmidt an Spohr. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmidt an Spohr, 04.12.1845.

[1] Zur Inszenierung vgl. [Adolph Bernhard Marx], „Faust von Spohr. Auf der königlichen Bühne in Berlin”, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 6 (1829), S. 373f., 378-383 und 387f.; nur knappe Bemerkungen in „Berlin, Anfangs Januar”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 32 (1830), Sp. 45-48, hier Sp. 45; Allgemeiner musikalischer Anzeiger 1 (1830), S. 204.

[2] Darunter  Friedrich Curschmann an Spohr, 15.11.1829, Friedrich Wilhelm von Redern an Spohr, 18.11.1829.

[3] Sabine Heinefetter.

[4] Abkürzung für „Diener“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (30.06.2018).