Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr Wohlgeboren
dem churfürstl. Hessischen Hofkapellmeister
Herrn Herrn L. Spohr
in
Cassel

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Verehrtester Herr Capellmeister
Wohlgeborener Herr.

Die freundliche Behandlung, mit der Sie mich als Mensch und Künstler beehrt haben seitdem ich das Glück hatte Ihre Aufmerksamkeit zu erringen, flößt mir das Vertrauen ein, Sie werden diese Zeilen ebenso freundlich aufnehmen, als sie herzlich geschrieben sind. Sollte ich damit beschwerlich fallen, so bitte ich meine Dreistigkeit mit der bedrängten Lage zu entschuldigen, die mich seit meinem Casselschen Wagniß zu verfolgen began und die wer weiß noch wie lange dauern kann.
Ehe ich jedoch zum eigentlichen Zweck dieses Briefes schreite, erlaube ich mir, Sie mit dem Schicksal meiner Reise bekannt zu machen.
Ihrer gütigen Empfehlung verdankte ich in Braunschweig das Glück, dem Intendanten2 des Theaters und sogar Sr Durchlaucht dem Herzoge selbst vorgestellt zu werden. Es ward mir von ersterm eröffnet, daß Sr Durchlaucht mir und meiner Frau eine Gastrolle bewilligt hätten, und, so schielend ein einmaliges Auftreten vor einem fremden Publikum auch aussieht, ich nahm das Anerbieten an, das mir ein kleines Reisegeld lieferte. Hierauf setzte ich meine Reise über Magdeburg3, Leipzig, Dresden, wo ich meine Familie zurückließ, nach Prag fort. Am letztern Ort wurden mir 6 Gastrollen zugesagt, von denen ich jedoch bloß 2 gab, indem mein Einnehmtheil (für beide Rollen 27 fl.W.W.) zu gering war als daß ich von den übrigen einen bessern Erfolg hätte erwartet können.4 Dessenungeachtet hätte ich noch kleinere Einnahmen ohne Murren angenommen, wenn mir nicht von Seiten des Operndirectors Kainz, der selbst noch die Gage des ersten Basses für sich einstreicht, die größren Hindernisse hinsichts des Engagements in den Weg gelegt worden wären. Da somit der eigentliche Zweck meiner Reise nicht erreicht werden konnte, so war mein Entschluß sehr bald gefaßt, wieder nach Dresden zurück zu gehen, wo indeß die Unterhandlungen mit dem Sänger Stromeyer abgebrochen worden waren, und mir somit ein neuer Hoffnungsstrahl lächelte. Mein Unstern hingegen führte mich zu spät dahin. Pillwitz war schon ohne weitere Prüfung engagirt worden. Nachdem ich nun einige Zeit in Dresden privatisirt hatte, wandte ich mich nach Baiern, Würtemberg, u dem Rhein. Hier traf ich just die ungünstige Zeit der Theaterferien oder die Bühnenverhältnisse waren so gestaltet, daß an ein Gastspiel für den Augenblick nicht zu denken war. Man machte mir zwar in München, Stuttgart, Carlsruhe und Mannheim Hoffnung für den Spätsommer oder Herbst; ich habe jedoch Ursache, diese Hoffnung für sehr trügerisch zu halten, und sie als leichtes Entfernungsmittel zu beachten. Somit bin ich bis Darmstadt vorgerückt wo ich einige Zeit zu bleiben gedenke, um günstigere Verhältnisse abzuwarten.
Ich gehe zum Zweck des Briefes über. Nach Ew. Wohlgeboren Äußerung ist es mehr als wahrscheinlich daß der Bassist Zschieche nach Cassel kommen wird, und es wäre dann für mich die Hoffnung gänzlich geschwunden, dort das 1st Bassfach erhalten zu können. Wie wäre es aber, wenn ich meine Kräfte, die ich bisher für selbiges vermochte, Ihnen fürs zweite Bassfach offerirte? Würden Sie mir wohl Hoffnung geben können, daß ich damit leichtern Eingang fände? Ich kann mir nicht denken, daß meine Persönlichkeit in Cassel so abgestoßen haben sollte, daß man mich dafür nicht placiren könnte. Mein bisher erfahrenes Unglück hat mir die Überzeugung gegeben, daß ich mich an einem Theater wie das Casselsche, wo jedes Engagement ehrenvoll ist, im zweiten Fache aber so wohl fühlen könnte, als wenn ich an einem Theater wie Mainz, Düsseldorf, Aachen, Bremen, die mir leider jetzt noch übrig bleiben, das erste bekleidete. Haben Sie die Güt[e] mir hierüber Ihre Meinung mitzutheilen. Befehlen Sie, so komme ich selbst, sie mir mündlich zu holen, wo nicht, so bitte ich um die Gunst sie mir schriftlich zukommen zu lassen. Vor allem aber bitte ich Sie meine unglückliche Lage zu beherzigen und für mich zu thun was Ihnen möglich ist. Sie sind selbst Familienvater und können das Gefühl ermessen, das der Mangel einer sichern Nahrungsquelle einflößt.
Mit der nochmaligen Bitte meine Dreistigkeit zu entschuldigen, habe ich die Ehre mit der innigsten Verehrung zu zeichnen

Ew. Wohlgeboren
ergebenster
GKöckert.
(zur Zeit in Darmstadt beim
Sänger H. Walter)



Der letzte überlieferte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Köckert, 09.11.1828.
Die Datierung dieses Briefs folgt dem Poststempel.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich der Poststempel „13 Juli 1829“, auf der Rückseite des zusammengefalteten Briefumschlags der Stempel 15July1829“.

[2] August Klingemann.

[3] Vgl. „Magdburg“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 30 (1828), Sp. 671ff., hier Sp. 671f.

[4] Vgl. „Ueber Herrn Köckert und über den besten Ton“, in: Unterhaltungsblätter 5. Juni, S. [4]; „Aus Prag“, in: Allgemeine Theaterzeitung 22 (1829), S. 312f., hier S. 313; „[Die Gastrollen, welche Hr. Köckert]“, in: Allgemeiner musikalischer Anzeiger 1 (1829), S. 116

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.10.2025).