Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Berlin am 30 Juli 1828.
Indem ich innigst wünsche, daß Sie, mein verehrtester Herr Kapellmeister, so wie ich Ihre Frau Gemalin und Ihre geehrte Familie gegenwärtige Zeilen im besten Wohlsein eintreffen mögen, bin ich so frei, mich mit nachstehender Bitte an Sie ergebenst zu wenden:
Vielleicht – vielleicht aber auch nicht – ist Ihnen aus unserm hiesigen Zeitungen, oder aus andern Journalen bekannt geworden, daß hier vor einigen Monaten auf der königl. Bühne ein Vaudeville unter dem Titel: der Chorist in der Equitage, oder: die Gastfreundschaft von mir nach dem Französischen bearbeitet und mit Musik versehen, gegeben worden ist.1 Dasselbe hat sich hier nicht allein vielen Beifall gefunden, sondern auch in in einem Zeitraum von 14 Tagen, sechs Vorstellungen erlebt, und würde auch gewiß schon öfter wiederholt worden sein, wenn nicht Herr Blume, dessen Rolle sehr schwer zu besetzen ist,2 4 Monaten auf Urlaub gewesen3 wäre. –
Obwohl ein altes Sprichtwort sagt: „Eigenlob riecht nicht gut“, so läßt sich doch dieß hier nicht in Anwendung bringen, indem ich wohl sagen darf, daß die Bearbeitung des Stücks und die Zusammenstellung der Musik mir ziemlich gelungen ist, demnächst hat es das vor vielen andern Vaudevilles voraus, daß es für alle Bühnen gleiches Interesse hat, da die Pointen, die Witze und Anspielungen – mit Ausnahme einiger kleinen Sticheleien auf den Schöpfer Alcidors, und unser fleißiges Einstudiren neuer Werke bei der hiesigen Oper – durchaus auf keinen Berliner Lokalieten beruhen; auch bestehen die Gesänge keineswegs in trivialen, abgedroschenen Melodien, sondern habe ich solche zum Theil selbst dazu komponiert und aus Opern von Mozart, Spontini, Maria v Weber, Boldieu und Aubert entnommen, was den Situazionen des Stücks um so mehr einen komischen Anstrich gibt. – ich bin überzeugt, daß beim bloßen Hören der Ouverture Sie lachen müssen, Sie mögen wollen oder nicht. –
Dieß Vaudeville ist es also, was ich Ihnen, mein hochgeschätzter Kapellmeister, als Mitdirektor der Casseler Hofbühne, für dieselbe antrage. Im Vertrauen Ihrer mir bekannten Güte ersuche ich Sie daher ergebenst, die große Gefälligkeit zu haben, dasselbe dem Herrn General-Direktor Feige, unter dem Beistand Ihrer Protektion zur Annahme vorschlagen zu wollen und mich sodann mit umgehender Post wissen zu lassen, ob derselbe davon Gebrauch machen kann oder will.
Als Honorar für die Partitur und das Stück begehre ich (als den alleräußersten Preis) 8 St Frd’or. Das Porto übernimmt, wie sich von selbst versteht, die Theater-Direkzion. In spätestens 12 Tagen kann ich Partitur und Buch zur Stelle liefern.
Ueberzeugt, daß Sie zur Erfüllung meines Wunsches alles beitragen können, würde ich mich Ihnen dadurch außerordentlich verpflichtet achten, und diesen neuen Beweis freundschaftlich-wohlwollender Gesinnungen für mich stets dankbar anerkennen.
Genehmigen Sie übrigens den Ausdruck meiner unwandelbaren Hochachtung und Werthschätzung, mit welchem ich mich zeichne
Ihr
ergebenster
C. Moeser
Friedrichsstraße Nr 183.
N. S. Meine Frau empfiehlt sich Ihnen bestens, und bittet Sie, so wie auch ich, uns Ihrer Frau Gemalin ergebenst empfehlen zu wollen.
N. S. Ihr herrliches meisterhaft komponirtes Doppelquartett in Es, habe ich hier vor ungefähr 6 Wochen gespielt, und hat dasselbe, wie es nicht anders sein konnte, Alles in Extase versetzt. Dank sei Ihnen! für dieß neue, der Kunst geweihete Chef d’oeuvre.4 –
| Autor(en): |
Möser, Carl |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Feige, Karl |
| Erwähnte Kompositionen: |
Möser, Carl : Der Chorist Spohr, Louis : Doppelquartette, op. 77 |
| Erwähnte Orte: |
Berlin |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Kassel> Königliche Schauspiele <Berlin> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1828073043 |
[1] Vgl. „Berlin, Bericht vom Monat November und December“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 30 (1828), Sp. 41-46, hier Sp. 46; „Berlin, im Januar“, in: ebd., Sp. 145-148, hier Sp. 145; „Aus Berlin“, in: Zeitung für die elegante Welt (1828), Sp. 214ff., hier Sp. 215f.
[2] Hier ein Wort gestrichen.
[3] „gewesen“ über der Zeile eingefügt.
[4] Adolph Bernhard Marx kündigte die Aufführung für den 25.04.1828 an („Nachschrift“, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 5 (1828), S. 138,) die dann aber offensichtlich verschoben wurde („Berlin“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 30 (1828), Sp. 362-366, hier Sp. 363).
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.11.2025).