Autograf: Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern (CH-Lz), Sondersammlung (Eigentum Korporation), Sign. Ms.364.fol. [Nachlass Schnyder von Wartensee]

Sr. Wohlgeb.
Herrn Xav. Schnyder von Wartensee
Musiklehrer in 
Frankfurt a/M 
Bleichstr. Nro II lit. D.

franco.1


Cassel den 19ten März
28.

Geehrter Freund,

Recht sehr habe ich mich gefreut, wieder einmal einige Nachricht von Ihnen2 zu erhalten und zu sehen, daß Sie in künstlerischer Thätigkeit leben. So ist es recht! auch ich lasse mich durch die Schwierigkeit, meine dramatischen Arbeiten ins Publikum zu bringen, nicht von neuem abschrecken und obgleich mein Berggeist fast noch nirgends gegeben worden ist, habe ich doch eine neue Oper3 geschrieben, der es freilich auch noch nicht viel besser zu gehen scheint. So lange die Direktionen französische und Italiänische Opern ohne Honorare zu zahlen, erhalten können und durch das Glück, was sie dort gemacht haben, im Voraus des Erfolgs auf deutschen Bühnen gewiß sind, wollen Sie es nicht mit deutschen Original-Opern probiren und am allerwenigsten große Honorare zahlen. Ich rathe Ihnen daher, den Preis für Ihre neue Oper ja nicht zu hoch zu setzen; höchstens auf 20 Friedrichsd’or für die ersten Hoftheater, für Bühnen 2ten und 3ten Ranges aber verhältnißmäßig weniger, etwa 15 und 10 Frd’or. Was nun unser Theater betrifft, so werde ich mein Möglichstes thun, daß Ihre Oper gegeben werde, und ich glaube es Ihnen versprechen zu können; aber so bald wird es nicht seyn können. Von dem Schluß unseres Theaters am 1sten Juni, wird nichts neues mehr in Scene gesetzt, da wir 2 ältere Opern neu einstudiren; nach dem Wiederbeginn muß zuerst die Geburtstags-Oper für den 28sten Juli eingeübt werden, die für dieses Jahr Meierbeer’s Kreuzfahrer (wegen der Gelegenheit zum Pomp) seyn wird. Dann bin ich durch bereits gemachte Anschaffungen und Zusagen gebunden, erst nach 3 Opern in Scene zu setzen, bevor ich an die Ihrige kommen kann, dieß sind: der Vampyr von Lindpaintner, Aloyse von Maurer und die Räuberbraut von Ries. Da nun unsere Direktion für lange im Voraus nichts anschaffen mag, so habe ich ihn jetzt noch gar nicht von Ihrer Oper gesprochen; ich werde aber den rechten Zeitpunkt nicht verfehlen, darauf können Sie sich verlassen, so wie ich denn überhaupt mein Möglichstes thue, um unser Repertoir von dem schlechten Fremden nach und nach zu säubern und es mit original deutschen zu bereichern.
Indem ich nun von Herzen wünsch[e]4 daß es Ihnen mit der Verbreitung [der] Oper recht glücken möge, unterze[ichne] ich mit den Gefühlen inniger Freundschaf[t] 

ganz 
der Ihrige
Louis Spohr.

Ich bitte um herzliche Grüße an Döring. Mit Bedauern ersehe ich aus Ihrem Br. daß er und seine Frau so sehr gelitten haben!



Dieser Brief ist die Antwort auf Schnyder an Spohr, 11.03.1828. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schnyder an Spohr, 30.09.1841. Dazwischen liegt noch eine von Schnyder mitunterschriebene Einladung des Frankfurter Liederkranz’ an Spohr, 20.01.1838.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts oben der Poststempel „CASSEL / 19MERZ[1]828“, auf der Rückseite des zusammengefalteten Briefumschlags befindet sich der Stempel „FRANKFU[RT] / 20 / MÄRZ“. 

[2] „von Ihnen“ über der Zeile eingefügt.

[3] Pietro von Abano.

[4] Textverlust durch Einriss am rechten Seitenrand.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (12.06.2026).