Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Wohlgebohrener Herr 

Noch eh’ ich Ihr verehrl. Schreiben vom 30t 8br erhielt, hatte ich schon den vorgeschlagenen Stoff um und um gewendet, ja bereits zwei Akte skizzirt; aber je mehr ich arbeitete, je spröder wurde der Stoff, und seine totale Unbiegsamkeit gab mir endlich die Ueberzeugung, daß nicht der Mangel meines Geschicks Schuld an dem nicht Gelingen sey, sondern, daß ich eine falsche Wahl getroffen hatte. – 
Ich hatte auf diese Weise vierzehn fleißige Tage, wärend1 welcher ich nichts trieb, als nur an diesem unbiegsamen Material zu modeln, völlig verlohren. Jetzt nahm ich zum Lesen meine Zuflucht und durchging während 14 Tagen mehr als hundert anerkannt guten Novellen in verschiedenen Sprachen, ging auch meine geschichtl. Notizen durch. Trauer- u Lustspiele und Dramen fand ich genugsam; aber keine Oper – d. h. keinen Stoff, der 1) in den engen Rahmen eines Operngedichts zu fassen sey 2) fast ohne Worte, gleichsam wie ein Ballet dramatisch-verständlich seyn muß; also 3) keine lange Vorfabel, keine schwierige Exposition, keine verwickelte Intrigue haben darf und doch 4) eine rasche interessante Abwechslung von Scenen Characteren u.s.w. haben muß, die alle Gelegenheit zu musikalischer Farbengebung darbiethen. – Ihr Brief nun, und besonders der mir aus der Seele ausgesprochene Wunsch eines heitern Opernsujets bestimmte mich nun, das zu thun, was ich gleich anfangs hätte thun sollen, nämlich selbst zu erfinden. Und Sie können sich wohl denken, daß ich – bedenkend, daß die Oper im Juli gegeben werden soll – nicht gerastet habe, da ich Ihnen schon heute diese Sendung machen kann. – Ihnen die erste Skizze zuzusenden war mir nicht möglich; denn ich weiß es nur zu wohl, daß eine solche nicht hinreicht2 zum Verständniß, wie es der Dichter, dem schon die Ausführung vorschwebt, eigentlich meint. Deshalb muß ich Sie auch inständigst bitten, mehr den ausgeführten ersten Akt zu beachten, als die beiden letzten skizzirten, die Ihnen nur eine höchst mangelhaften Umriß geben können, indem Sie es unmöglich berechnen können, welche neue und wirkende Musikstücke ich3 noch für die Folge bewahrt habe. – Nun zu der Oper selbst; aber keineswegs, um Ihnen Rath zu ertheilen, den Sie füglich entbehren können; aber um mein eigenes Werk zu erläutern, den Tonsetzer und Dichter bei einer dramatischen Arbeit besonders einige seyn sollen. Wir sind darin einig, dem Publikum eine heitere Oper zu geben und wir haben zwiefach Recht dies zu wollen, da man uns Deutschen – und nicht mit Unrecht – vorwirft, daß wir den dunkeln Ernst in unsere Kunstwerken nur allzusehr lieben. Ich habe also den früheren Fehler meiner Opern bei dieser verbessert; ich habe nicht schwarz und weiß gemahlt, keine Bühne dem Guten, keine Hyper-Passion der Hyper-Naïvität &tc entgegen gestaltet und, so viel als es mir möglich war, das Schwerfällige (was Alter-Deutsche so gerne Nationalität nennen) vermieden. Ich glaube mein Gedicht einer freundlichen heitern Landschaft vergleichen zu dürfen, die zwar von der Sonne beschienen ist, doch nicht so prall, daß blendende Streiflichter, neben schwarzen Schlagschatten entstehen. Wie aber alle Vergleiche hinken, so hinkt auch dieser; denn ein Operngedicht kann nur U m r i s s e geben; und nur der Genius des Tonsetzers trägt erst farbige Lichter, farbige Schatten auf, und zaubert eine Landschaft hin, die den Beschauer in frühlingshelle u frühlingswarmen Gegend versetzt. Heiterkeit und Helle halte ich für den Grundcharakter dieser Oper; ich denke mir Sie in ihren tiefsten Schattenparthien noch klar u farbig, in ihrem Ernst selbst noch heiter. Dabei werden wir das erstreben, was Sie so sinnig wollen, der Menge gefallen und doch dem gebildeten Kunstrichter genügen. Unwürdig wäre es, wie Sie sagen, freundliche Gassenhauer zu Lust des Pöbels zu setzen; aber eine Melodie zu finden, die das Volk u die Gebildeten lieb gewinnen ist eben so verdienstlich,als es von geringer Meisterschaft zeigt,4 ein dramatisches Werk zu setzen, von dem auch nicht eine einzige Melodie, selbst in dem Ohr des Musikverständigen zurückbleibt. – und daß wir an solchen Stolz einherwogenden Opern in Deutschland keinen Mangel haben, werden Sie gewiß eben so schmerzlich empfinden, als jeder bessere u geschmackvolle Kunstrichter. – Weit entfernt davon zu glauben, daß wir dem neuesten und romantischen, Rossinischen Geschmacke folgen sollen, bin ich vielmehr überzeugt, daß dieses den nächsten deutschen Sinne unmöglich ist. Aber gerade deßhalb müßte es vortrefflich werden, wenn einmal ein deutscher Tonsetzer ein recht warmes, südliches, heiteres und farbiges Vonwerk der Bühne gäbe. Die Klarheit würde alsdann auch deutsche Tiefe haben, und nicht an musikalischer Flachheit leiden – dies sind meine Gedanken, wie ich mir den Totaleindruck dieser Oper vorstelle. – Was nun Ihren sinnigen Wunsch betrifft, daß die singenden Personen nicht unmittelbar nach dem Gesange sprechen sollen, so werden Sie sehen auf welche Weise ich diesen Mußstand vermieden habe; theils geht der Gesang in Rezitativ und dann das Rezitativ vermittelnd zur Rede über, theils treten auch wohl neue Personen ein. Hiebei aber sey mir eine Bemerkung erlaubt! In der ganzen Oper tritt keine Person auf, oder ab, deren Ankunft oder Abgang nicht durch einige, dem Charakter oder der Handlung angemessnen Tackte Musik, angekündigt wird. Trauen Sie hierin meiner langjährigen Erfahrung, daß dieses von ungemein schöner dramatischen Wirkung ist, und um so schöner in charakteristischer und je je kürzer diese Ankündigungen sind. Ich bitte Sie also inständigst dieser scheinbaren, aber nur scheinbaren, Nebensache Ihre gütige Aufmerksamkeit zu schenken. Der Zuschauer wird dadurch vorbereitend gestimmt; und ich kann mir selbst eine Tragödie denken mit solchen musikalischen Ankündigungen; ja ich bin überzeugt, daß die Tragödie der Griechen nicht ohne solche Ankündigungen dargestllt werde. Auch mitten in unserer Oper kommen solche stumme Handlungen mit musikalischer Belgeitung vor, wie im Finale des ersten Aktes die Zeichen, die der Marschall giebt. Gerade nun solchen Kleinigkeiten verspreche ich mir Wirkung, sie sind die musikalischen Bindungsmittel des Ganzen, was in der Gramatik5 die Partikel sind. – Was die Chöre betrifft, so müssen sie eben einstudirt werden, denn in einer Oper mit Gespräch sind sie um so nothwendiger, weil sonst die Oper zum Singspiel wird. Ich hoffe aber für die Manigfaltigkeit der Chöre gesorgt zu haben – hinsichtlich des eigentlichen Textes, so ist dies derjenige Theil der Arbeit, und welchem ich mir ein durch langhährige Uebung u Nachdenken erreichtes Geschick zutraue. Noch hat in dieser Hinsicht kein Komponist über mich beklagt; doch übernehme ich willig jede Aenderung, die Sie verlangen. Ich glaube indessen, daß Sie finden werden, wie der Reim einen Mann, der sein Handwerk versteht, weder verführt, noch ihm zu Last fällt, wenn er nur angestrengten Feliß nicht scheut; und wie der Reim kein zufälliger Schmuck ist, sondern der Erzeuger melodischer und der Musik angemessener Rhythmen. Denn die Rhythmen der reimlosen Versen haben einen durchaus verscheidenen Charakter von demen der gereimten und passen z.B. zu einer heitern romantischen Oper gar nicht. Ja ich hoffe, daß selbst der Reim hier Sie auf musikalische Ideen führen wird, und daß Sie dieselben Zeilen, dieselben Gedanken, aber reimlos, anders würden komponirt haben. Uebrigens sind die Strophen so eingerichtet, daß einzelne, besonders Schlußzeilen, wiederholt werden können. Doch hätte ich Arien, Deutte, Chöre &tc ganz anders behandelt, wenn Sie, wie manche andere Tonsetzer, eigentliche fortgehende Wiederhohlungen beliebt hätten. Solches aber, wollten Sie ja nicht, und ich freue mich, daß wir hierüber einverstanden sind, da dramatische Musik Wiederholungen weniger ertragen kann, als die rein-lyrische Musik, oder der einfach-erhabene Kirchenstyl. Eine Hauptsache muß ich noch berühren, über die wir ebenfalls, Ihrem früheren Schreiben zufolge, einverstanden sind: über die Dauer der ganzen Oper nehmlich. Das heutige Publikum aller Länder ist nicht ernst genug, um drei Stunden lang auch die schönste Musik mit Aufmerksamkeit anzuhören; auch übersteigt dies die Kraft des gewöhnlichen Menschen. Das beste Trauerspiel, die herrlichste Oper kann, wenn die eine oder das Andre zu lange währt, Mißgeschik erfahren. Deshalb habe ich jeden Akt auf ¾ Stunden berechnet, hinzu 2 Zwischenakte jeder ¼ Stunde so daß die Dauer der Oper 2¾ Stunden beträgt. Den ersten Akt habe ich folgendermaßen berechnet: Introduktion bis zum 
Gespräch          Minuten 10 
Cavatine u Duett      "       5
Terzett u Chor          "       4
Feuer(?) Arie           "       5
Finale                      "      15

Transport6                      39
Gespräch ____________6
Scene                            45

[Ja, ich bitte Sie, mir anzuzeigen, wo Sie irgend eine Härte, oder ein7 im Gesange mißlich auszusprechendes Wort finden, oder wo Sie vielleicht einen andern Rhythmus wünschen.]8
Nun will ich damit nicht sagen, daß Sie das eine Stück nicht kürzer, das Andere dagegen länger halten könnten; aber im Ganzen bitte ich Sie recht inständig den Akt so einzurichten, daß er ja nicht länger als ¾ Stunden währt. Ich will lieber, wenn Sie es nöthig finden, die Musikstücke abküzren. – Nun muß ich noch um Verziehung bitten, daß ich hie u da am Rande bemerkt9, wie ich mir die Komposition gedacht habe. Halten Sie mich ja nicht für so anmaßend und närrisch, als wollte ich mich unterstehen sie zu belehren und in eine Kunst thätig einzugreifen, von welcher ich nur oberflächliche Kenntniße besitze. Ich weiß nur zu gut, daß ein fleißiges Menschenleben dazu gehört, wie es in einer einzuigen Kunst bis zu einem Grade der Meisterschaft zu bringen u daß diejenigen, die darzu ein paar treiben, in beiden Pfuscher bleiben. Also ich unterstehe mich nicht bei unserer gemeinsamen Arbeit in die Ihrige auch nur inm leichtesten einzugreifen; aber theils wollte ich mich durch diese Anmerkungen verständlicher machen, theils auch wollte ich Ihnen zeigen, auf welche Weise ich ein Operngedicht anfertige, daß ich mir nehlich dabei immer die Musik, wenn auch nicht mit völliger Klarheit, denke. Wie man auf andre Weise für den Tonsetzer dichten kann, davon habe ich keinen Begriff!! – Also noch einmal Verzeihung!!! – – 
Schlüßlich bitte ich Sie nun den ersten Akt und die Skitzzen der andern Ihren kritischen Freunden mitzutheilen, und mir offen zu sagen, was man an meiner Arbeit auszusetzen findet; denn ich nehme herzlich gern guten Rath an, und scheue keinen Fleiß um, wo es nöthig ist, zu ändern. Die Vor-Kritiken sind mir weit lieber, eben weil sie fruchtbarer wirken, als die so hinter der vollendeten Arbeit noch kommen. Ich erwarte also Ihr und Ihrer gelehrten Freunde Urtheil; und beginnen den 2t Akt nicht eher, als bis ich weiß, daß Ihnen die Oper zusagt. 

Mit Achtung u Freundschaft 
der Ihrige 
Ludwig Robert 

Karlsruhe d 9br. 1826.

Autor(en): Robert, Ludwig
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1826113049


Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Robert, 30.10.1826. Spohr beantwortete diesen Brief am 05.12.1826.
Robert vergaß offensichtlich, den Tag der Niederschrift im Briefdatum eintzutragen. Das korrekte Datum ergibt sich aus seinem Brief an seine Schwester Rahel Varnhagen, 30.11.1826: „[…] so wirst Du gestehen, daß ich nicht feierte wenn ich Dir sage, daß ich Gestern den vollständig ausgearbeiteten 1t Akt und die Skizze der beiden andern Opernakte dem Komponisten zugesendet habe“ (in: Rahel Levin Varnhagen, Briefwechsel mit Ludwig Robert, hrsg. v. Consolina Vigliero, München 2001, S. 476-479, hier S. 477). Dieses Datum ist konsistent zu Spohr eigener Angabe, der zufolge er Roberts Entwurf am 03.12.1826 erhielt (vgl. Spohr an Wilhelm Speyer, 04.12.1826).

[1] Sic!

[2] „nicht hinreicht“ am linken Seitenrand eingefügt.

[3] Hier ein Wort gestrichen.

[4] Hier gestrichen: „Als“.

[5] Sic!

[6] Hier Wechsel in eine andere Spalte der Addition.

[7] „eine“ über der Zeile eingefügt.

[8] Ausdruck in Klammern am linken Seitenrand eingefügt.

[9] Hier gestrichen: „habe“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.04.2026).