Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Dresden den 18ten July 26
Wohlgeborener Herr
Hochgeehrter Meister und Gönner
Die unendliche Güte, mit der sich Euer Wohlgeboren stets meiner erinnern, rührt mich wahrhaft, und nur durch die innigste Anhänglichkeit an Sie kann ich dieselbe in etwas verdienen und vergelten. – Ich beeile mich daher, Ihnen schleunigst meine Antwort zu senden:
Sehr gern und bestimmt nähme ich das Engagement, daß mir Ihre Güte angelangen, an. Seyn Sie versichert, hochverehrter Herr, daß ich es schon annehmen würde, um in Ihre Nähe zu kommen, um unter Ihrer Leitung zu stehen, wenn es mir auch nicht so manchen Vorzug vor einem anderm Engagement zu haben schien. – Was aber mein jetziges Gastspiel bey Ihnen betrifft, so giebt es da noch einiges Bemerkenswerthe, nur ich kann nichts Besseres thun, als Ihnen die Stellung der Dinge ganz offen zeigen:
Ich bin seit dem 1ten May von Breslau abgegangen, und vom Juny an hier in Dresden, wo ich die Mutter besucht, und eine Brunnenkur gebraucht habe, In dem Augenblick, als ich Ihren ungemein erfreulichen Brief erhielt, war ich im Begriff abzugehen, um nach Berlin an das Königstädter Theater auf Gastrollen und Engagement zu gehn. Ich wollte dieses annehmen, um einmal ein Jahr in Berlin leben zu können, daß mir manches Nützliche bietet, wenn ich auch nicht so viel spielte, da das dortige Opernrepertoire sehr beschränkt, und Jäger im Besitz der meisten Tenorparthien ist.
Daß ich eben nun ein Engagement vorziehe, an einem Hoftheater von solchem Rang, unter der Leitung eines so trefflichen, hochgeschätzten Meisters, und neben einem Tenor wie Wild, der bey seiner Trefflichkeit für mich noch den Vorzug hat, daß er die höchsten Tenorparthien, für die sich meine Stimme gerade eignet, weniger singt – daß ich dies unbedingt ergreife, ist wohl ganz erklärlich, und ich würde mich sogleich auf den Wagen setzen, und nach Cassel reisen, wenn das Engagement nicht erst von Ostern an beginnen sollte. Bis dahin muß ich doch verläßlich sehn, wo ich bleibe, da ich jetzt ohne Engagement bin, und habe daher beschloßen, morgen nach Berlin, wo man mich erwartet, zu reisen, um dort zu gastieren; und an Sie, Hochverehrter, stelle ich nunmehr die ergebenste Frage, ob Sie es durchaus wünschen, daß ich erst Gastrollen in Cassel gebe, ehe das Engagement unter den gleichen Bedingungen abgeschlossen werden kann, – da Sie vor 41 Jahren die Güte hatten, mich ohne solche auf ein Jahr engagiren zu wollen; – oder ob diese vielleicht ersätzlich wären; ich könnte mich dann in Berlin bis Ostern engagiren, und dann noch Cassel ins Engagement kommen. Denn, wenn ich in Berlin bleibe, weil jetzt 3 ihrer Tenöre abgegangen sind, und Jäger ganz allein steht. – Ich hoffe Ihnen in einem jährigen Engagement überhaupt noch besser, als in wenigen Gastrollen beweisen zu können, wie sehr mir wahre Kunst am Herzen liegt, und wie sehr ich mich bestrebe, Ihrer gütigen Verwendung würdig zu werden. –
Sollten Sie aber durchaus Gastrollen wünschen, so schließe ich in Berlin nichts ab, und komme auf jeden Fall nach Beendigung meiner Gastrollen daselbst, die vielleicht sehr bald abgespielt seyn können, oder zu jeder von Ihnen zu bestimmenden Zeit nach Cassel, und mache dann vielleicht blos vom September zum März Contract in Berlin, oder auch gar keinen, denn Cassel betrachte ich als meine Bestimmung und das Berliner Engagement nur als Nebensache. –
Ich erwarte in Berlin (Königsgraben No 4.) auf jeden Fall Ihren baldigen güthigen Rath und Bescheid, und schließe unbedingt dort nichts ab, bis ich Antwort von Ihnen habe, denn ich habe eine wahre Sehnsucht, unter Ihrer Leitung fortzustreben. –
Gastrollen, im Fall solche durchaus nöthig werden, würden sich leicht finden, die Mozartschen Opern: – Belmonte2, Tamino3, Ottavio4, – Sargin, Rodrigo in Othello und andre Rossinis sind ja stets im Gange; in Opern von Ihnen bin ich leider nicht einstudirt, weil unser Theater keine gab. Uebrigens habe ich ein Repertoire von einigen 50 Opern, und die Wahl würde auf keinen Fall schwer seyn.
Indem ich sehnsuchtsvoll Ihre baldige gütige Antwort in Berlin erwarte, danke ich unendlich für Ihre Güte, und empfehle mich der Fortdauer Ihres Wohlwollens.
Mit hoher Verehrung verharre ich:
Euer Wohlgeboren
dankbarer und ergebenster
Albert Wagner.
Tenorist.
| Autor(en): |
Wagner, Albert |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Jäger, Franz Wild, Franz |
| Erwähnte Kompositionen: |
Mozart, Wolfgang Amadeus : Don Giovanni Mozart, Wolfgang Amadeus : Die Entführung aus dem Serail Mozart, Wolfgang Amadeus : Die Zauberflöte Paër, Ferdinando : Sargino Rossini, Gioachino : Otello |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Kassel> Königstädter Theater <Berlin> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1826071844 |
Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Wagner.
[1] Die Ziffer lässt sich auch als „8“ lesen und könnte dann auf ein Engagementangebot in Spohrs Frankfurter Zeit deuten. Die Entscheidung für „4“ folgt aufgrund des Briefs Wagner an Spohr, 01.12.1823.
[2] Rolle in Die Entführung aus dem Serail.
[3] Rolle in Die Zauberflöte.
[4] Rolle in Don Giovanni.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.12.2024).