Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Wohlgebohren
dem Herrn Kapellmeister
Louis Spohr

Cassel.

franco1


Hamburg, den 5ten April, 

In dem ich mich aufs Datum besinne, finde ich, daß der heutige Tag der glückliche ist, der vor 42 Jahren die musikalische Welt so reich beschenkte; ich bringe Ihnen daher, liebster Herr Kapellmeister, zuerst meinen herzlichsten Glückwunsch, – möge der Himmel Ihnen und Ihrer Familie auch dieses Jahr zum Jahr der Freude machen, – möge er, da Sie schon so vieles für Andere Wünschenswerthe besitzen, daß man Ihnen kaum etwas Neues wünschen kann, doch meine Bitte für Sie2 um Fortdauer eines ungetrübten Glücks erfüllen! – Für Sie ist dieser 5te April ein rechter Festtag, denn das Bewußtseyn für unsere Kunst so viel gethan zu haben, das Bewußtseyn, so vielen, vielen Menschen die reinsten Genüße geschenkt zu haben, sie veredelt, ihre Gemüther für alles Schöne empfänglich gemacht zu haben, Alles dieses macht Ihnen diesen Tag zum Festtag; wie wenigen Menschen wird diese Freude eines solchen Bewußtseyns zu Theil! Wenn Selbstzufriedenheit Glückseligkeit schafft, so sind Sie das glücklichste Wesen der Welt. – Auch ich werde diesen Tag heute festlich begehen, und habe gleich nach der Entdeckung, daß der heutige Tag Ihr Geburtstag ist, beschloßen, die Stunden, welche ich noch zu geben habe, nicht zu geben, und mir dadurch diesen Tag einem Weihnachtsfest auch darin ähnlich zu machen. – Hoffentlich ist Ihre gute Frau3, Emilie4, Ida5 u. Therese so wohl, wie ich es wünsche; ob Ida schon verheirathet ist, weiß ich nicht ein mal, ich habe es vermuthet, da sie schon vor 7 Monaten Braut wurde. ich bitte Sie, mir doch etwas Näheres darüber zu schreiben; – ist der Glückliche6 in Cassel angestellt? u. baut er nach Privatbestellungen? Alles mögte ich gerne en detail wißen, – es thut mir so leid, daß ich ihn nicht kenne, aber grüßen Sie ihn von mir7 unbekannter Weise recht herzlich! – Die Nachricht von Ida’s Verlöbniß traf gerade mit meiner Abreise nach Hamburg zusammen und das ungenehme Stundengeben, in das ich mich bald tief vergraben fand, machte seine lähmenden Eigenschaften bey mir so geltend, daß ich vom Schreiben ganz abgekommen bin; – Anfangs vorzüglich war mir das Stundengeben so zuwider, daß ich glaubte, den Ekel nur dadurch auslöschen zu können, – daß ich unmittelbar darauf schöne Musik hörte od. wenigstens schöne Komposizionen selbst studirte; – zu allem andern fühlte ich mich auch eben unfähig, besonders zum Briefeschreiben. – 
Die letzten Nachrichten von Ihnen, die ich direkt erhielt, waren durch den Brief, den Sie der Dem. Blahetka an mich mitgegeben hatten8, – sie hat mit ausgezeichnetem Beifall 2 Konzerte gegeben wovon das Eine im Salon d’Apollon, das Andere nur9 eine soirée musicale war, – sie10 war eine Protegée von Jung u. Alt, und ihr hübsches Gesicht trug in Hamburg nicht wenig dazu bey. – Wilhelms neueste Oper: „Die Burg Falckenstein“ ist in Hamburg nun schon sehr oft vor gefülltem Hause gegeben; die Menge seiner Freunde trugen wohl etwas dazu bey, aber doch nicht so viel, daß das Haus dadurch bey unsern Sängern ohne Stimme, immer gefüllt würde. – Ich wünsche sehr, wenn Ihnen11 einmal die Oper zu Gesicht käme12, Ihr Urtheil darüber zu hören, – in diesen Tagen erscheint der Clavierauszug bey Cranz. – Als Bruder trau ich mir,13 aufrichtig gestanden, nicht zu, ein ganz freies Urtheil zu fällen. – Wilhelm wollte gern wieder eine Oper schreiben, wenn er nur ein gutes Sujet hätte; darin haben Sie so viele Erfahrungen, daß ich mir Ihren güthigen Rath erbitte, an wen man sich zu wenden, um heutigen Tags ein erträgliches Sujet zu gelangen? – Bitte, vergeßen Sie meine Nachlässigkeit im Schreiben und beschämen Sie mich durch eine baldige Beantwortung dieses Briefs, – dann vergeßen Sie aber ja nicht Ihre Meynung, wer der beste Operndichter ist, beyzufügen, da meinem Bruder Wilhelm so sehr daran gelegen ist. – Hauptmann hatte als ich zur Vermählungszeit des Herzogs v. Meiningen in Cassel war, 2 Operntexte von Döring liegen, – vielleicht eignet sich der eine oder andre auch für Wilhelm? – Das Hamburger Theater hat Herr u. Frau Cornet engagirt, gestern traten beyde zuerst auf in der Vestalin; die Stimme der Frau war schwach, da sie vor kurzem erst in Wochen gelegen; – doch gefiel ihre Reinheit und ihr Spiel sehr; Cornet machte Furore; (sehr natürlich, da wir seit langer Zeit keinen andern Tenor gehört haben als Klengel, der eigentlich gar keinen hat.) –
Wie geht es dem Hauptmann? wie ihrem Bruder Ferdinand? u. ihrem Hausfreunde, dem Profesor14? sehn Sie die Frau v. Malsburg noch öfter? – grüßen und empfehlen Sie mich, jedem das Seine, an Alle; da es Sie ja auch ganz gewiß intereßirt zu wißen, wer hier meine genauesten Freunde sind, wo ich außer meiner Familie meine freien Abende am liebsten u. am öftesten zubringe, so unterlaße ich nicht Ihnen zu sagen, daß es Braunschweiger sind, – Landsleute von Ihnen. – Diese meine liebsten Freunde, die sämtlich miteinander verwandt sind, machen 4 Familien aus, Klünder’s, Dr. Meyer’s, Ludwig Meyer’s und Krutisch’s. – Alle sind höchst glücklich verheirathet, die Grazien und die Musen vereinigen sich dort uns in den schönen Frauen eines Olympers zu ersetzen, – ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich diese Familie für die angenehmste in Hamburg halte, im Gegentheil fürchte ich dadurch fast zu wenig zu sagen u. der Liebenswürdigkeit dieser von der Natur so reich beschenkten Wesen zu nahe zu treten. –
Alles was das Leben angenehm machen kann, habe ich in das Wenige, worin Hamburg andern Städten nachsteht, muß man sich dort suchen, so war ich vor 6 Wochen in Berlin, wo ich die Euryanthe, die Vestalin, Nurmahal, Cosi fan tutte u. Rossini’s Aschenbrödel hörte; es freut mich Berlin zuletzt gesehn zu haben, denn was Architectur u. Musik betrifft, so steht es doch einzigartig da. – Ries u. Mühlenbruch15 waren überall meine treuen Begleiter, u. daß Ihnen da oft gedacht wurde, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen; an dem Musikdirektor Stegmayer am Königstädter Theater h[aben]16 Sie auch einen großen Verehrer; mit ihm, Ries und Mühlenbruch sang ich an einem Abend Ihren ganzen Faust. – Mein Temperament ist jetzt wieder so heiter mein Arm ist jetzt wieder so gut, daß ich kaum noch einen Wunsch habe, – allenfalls, das Angenehme meines jetzigen Lebens mit einer festen Stellung einmal vereinigt zu sehen; – in Hamburg wird das wohl nie der Fall seyn können, – in eine kleine Residenz zieht mich kein Zauber zurück, – eine gute Stelle in einer großen Stadt zu bekommen fält17 sehr schwer. – Wenn Sie einmal von einer Anstellung hörten sollten, die sich für mich eignet, so denken Sie an mich; mit Ihnen an einem Ort zu leben, das denke ich mir auch schön! –
So eben höre ich von Wilhelm, der Sie u. alle die Ihrigen vielmals grüßt, daß Ihre Jessonda jetzt beym Theater einstudirt wird, – ich fürchte, es wird sehr schlecht gehen! – Sie haben ja ein Oratorium komponirt u. auch schon aufgeführt? – Wie heißt es? – Wird einem die Freude bald es zu hören u. wenigstens ein Stück zu sehen? – Ihr Doppel-Quartett habe ich hier sehr oft spielen müßen, vor 8 Tagen wurde zugleich ein solches von And. Romberg gemacht, von dem nur 2 Sätze fertig geworden sind, ein Allegro u. das Menuetto u. Trio; – das Allegro ist höchst trocken u. langweilig, – das Menuetto aber superb. –
Ach, ich muß nun scheiden! – Leben Sie wohl vielgeliebter Freund und Meister u. grüßen Sie nochmals Alles, was in Ihrem Hause ist. –

Ihr treuer Freund und Verehrer
Eduard Grund.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Grund an Spohr, 11.10.1825. Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Grund, 07.01.1829.
Grund gibt bei seinem Datum das Jahr nicht an; da er Spohr jedoch zum 42. Geburtstag gratuliert, ergibt sich 1826.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts in der Mitte ein stark verwischster Poststempel, bei dem nur der Text „7. Apr.“ lesbar ist.

[2] „für Sie“ über der Zeile eingefügt.

[3] Dorette Spohr.

[4] Emilie, später verh. Zahn.

[5] Ida Wolff.

[6] Der Baumeister Johann Heinrich Wolff.

[7] „von mir“ über der Zeile eingefügt.

[8] Dieser Brief vom 03.10.1825 ist derzeit verschollen.

[9] „nur“ über der Zeile eingefügt.

[10] Hier gestrichen: „hatte“.

[11] „Ihnen“ über gestrichenem „Sie“ eingefügt.

[12] „käme“ aus „bekämen“ durch Ausstrich von Buchstaben korrigiert.

[13] Hier gestrichen: „nicht“.

[14] Sic! – Name noch nicht ermittelt.

[15] Hier gestrichen: „habe ich“.

[16] Textverlust der Siegel-Entfernung.

[17] Sic!

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (10.07.2026).