Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Meiningen, d. 11 October 25

Lieber Herr Capellmeister,

Schon lange wollte ich Ihnen schreiben, aber wenn man weniges gutes zu schreiben hat, so schreibt man nicht gern, und vollends wenn man noch in Ungewißheit ist, da schreibt man lieber gar nicht. – Die angefangene Cur in Erwartung von Salben und Oelen bestehend habe ich fortgesetzt, merke aber eher Verschlimmerung als Linderung des Uebels; ein Brief von Wilhelm bewog mich Anfang dieses Monats nach Halle zu gehen, um den Professor Zondi zu consultiren. Dieser gab mir wenig Hofnung, alle Reizmittel hält er für nicht anwendbar, ich soll den Arm viel bewegen, aber 6 Monate gar nicht spielen, überhaupt den Arm in die zum Spielen nothwendige1 Lage zu bringen sorgfältig vermeiden, dann soll ich mir den Arm viel drücken, anfassen, manipuliren laßen. Uebrigens meint er, wenn ich nach den 6 Monaten Ruhe einmal wieder zu angestrengt spiele, so werde das Uebel sich wiederholen. – Einen anderern Professor Nahmens Krukenberg consultirte ich ebenfalls, weil die dort Medicin studirenden Hamburger ihn mir so sehr dringend anempfahlen; nach seinem Rath trage ich jetzt über das Handgelenk hinaus eine drey Finger breite Spanische Fliege2, die den Arm kreuzförmig umschließen muß, diese soll ich 14 Tage offen halten, um sie dann höher hinauf unter die Stelle wo ich den Schlag bekommen, hinlegen u.s.w. da auch 14 Tage offen halten. – Ich bin über Leipzig zurückgekehrt u. hab3 dort Peters besucht, ich wußte garnicht, daß er in seiner Familie so ein Unglück gehabt hat, daß er in kurzer Zeit Mutter, Schwiegermutter, Frau u. Kind verloren, u. erschrak erst, als er es mir dann selbst erzählte. – In Weimar hörte ich den Wasserträger4, der ausgezeichnet schön gegeben wurde, ich war von der Musik ganz entzückt. – Gestern Abend kam ich erst wieder zurück von Halle; von Hamburg hab ich noch immer sehr gute Nachrichten, das nächste ist, daß mein Bruder Ferdinand Bräutigam ist, u. zwar mit einem Fräulein Julie Schmilinsky, einem ganz herrlichen Mädchen, die ich diesen Sommer in Hamburg kennen lernte. Das gibt nun natürlich eine große Revolution in unserm Hause – . Ich war ganz erstaunt, wie ich die Nachricht bekam, denn wie wir zusammen in Pyrmont waren, war noch sein Herz für Alle ungetheilt. – Auf den Wunsch des Herzogs habe ich Hildebrandt u Schröder wieder engagiren müßen; durch churfürstliches Geld werden Sie schon wieder zu ein Paar ausgezeichneter Hornisten kommen. Ich glaube, die Hauptsache, warum sie wieder fortgehen5 von Cassel liegt darin, daß sie noch keine Dukaten(???) bekommen haben, denn an Gehalt bekommt keiner mehr als 300 Rth. – Ist sonst in ihrem Familienkreise nichts Neues vorgefallen? Wie geht es Ihre Fräulein Emilie u. Ida u. ihrer Schwägerin?6 Werden Sie noch die Reise nach Frankfurt wagen? – In Weimar hatte ich die schon längst gewünschte Freude, Göthe ganz nahe zu sehn. – Ich grüße Sie und die Ihrigen Alle recht herzlich u. würde eine große Freude haben, wenn mir der Briefträger bald einen Brief von Ihnen brächte, – und die Glücklichen können immer schreiben! –

Leben Sie wohl
Ihr 
Eduard Grund



Der letzte erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Grund, 03.10.1825, dessen Postweg sich mit dem dieses Briefs überschnitt. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Grund, 05.04.1826.

[1] „zum Spielen nothwendige“ über der Zeile eingefügt.

[2] Zur spanischen Fliege als Therapeutikum vgl. Karl Friedrich Lutheritz, Handbuch der Hausarzneykunde in alphabetischer Ordnung, für gebildete Leser, als Rathgeber bey Krankheiten und in allen, die Erhaltung des Lebens und der Gesundheit betreffenden Angelegenheiten und Verhältnissen, Ilmenau 1823, S. 329.

[3] „hab“ über der Zeile eingefügt.

[4] Les deux journées von Luigi Cherubini.

[5] „wieder fortgehen“ über gestrichenem Wort eingefügt.

[6] Grund nahm 1820/21 nicht nur bei Spohr in Gandersheim Violinunterricht, sondern unterrichtete dort auch seine Töchter Emilie, später verh. Zahn, und Ida, verh. Wolff, im Klavierspiel. – Spohrs Schwägerin Wilhelmine Scheidler lebte mit im Haushalt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (10.07.2026).