Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Gehe:7
Dresden den 8 März 1825
Mein sehr geehrter Freund,
Es thut mir noch immer herzlich leicht, daß mein Text zum Berggeiste Ihren Wünschen und Ansichten nicht entsprochen hat. Gern bliebe ich mit Ihnen, mein verehrter Meister, in einer freundlichen Verbindung! Daher sende ich Ihnen, da eine solche Gesinnung sich am besten durch die That bewährt, Ihnen meinen neuen Text1, der, vollendet, auch gleich in seinen Eigenthümlichkeiten übersehen werden kann. Unser beyderseitiger Freund Wendt hatte mich vor einem Jahre auf diesen Stoff aufmerksam gemacht, und wenn ich Ihnen denselben jetzt im lebhaften Gefühl der Achtung für Ihr erprobtes Talent anbieten, so mögen Sie überzeugt seyn, daß der Grund dieser Handlung in einer Herzlichkeit birgt, die ein altes, mir ehrenvolles Band nicht für immer aufgehoben sondern es freundlich wieder anzuknüpfen wünscht. Lesen Sie also doch meinen Text und erfreuen Sie mich mit einigen Zeilen darüber! Zu dem alten Preise von 20 Dukaten steht Ihnen die Oper zu Diensten und ich würde mich sehr freuen, sie von Ihnen componirt zu wissen.
Daß ich Ihnen über die hiesige Aufführung der Jessonda nicht schrieb lag darin, daß die Darstellung manchen frommen Wunsch übrig ließ.2 Die scenische Ausführung war sehr gut, die Waffentänze gingen vortrefflich, aber von den Sängern war nur Bergmann als Nadori an seinem Platze. Jessonda hätte, wie Sie auch gewünscht haben, von der Funk gegeben werden sollen. Die Devrient wurde durch vorgerückte Schwangerschaft in ihrem Talente gehemmt. Die Mitteltöne der Veltheim sind nicht so gut wie ihren hohen, daher trat die schöne Singparthie der Amazili nicht ganz in das ihr gebührende hellste Licht. Wagner, den den Tristan gab, kennen Sie und was Keller als Dandau vermochte, werden Sie am besten selbst ermessen. Allerdings ließen sich aber die Baßparthien nicht anders besetzen, denn es mangelt uns an Bässen. Bey der dritten Vorstellung war wieder ein sehr volles Haus und sichtbar zu bemerken, wie das Publikum diese Melodie und Harmonie so reiche Musik immer mehr verstehen lerne. Vorzüglich wurde Nadoris Arie und sein Duett mit Amazili beklatscht, wie auch die letzte Arie der Jessonda. Wie innig habe ich mich über Ihre glänzende Aufnahme in Berlin gefreut! Mögen Ihnen auch, wie zu erwarten steht, am 23sten März die schönsten grünsten Lorbeern sprießen! Ich werde mich sehr freuen, wenn ich hierüber vielleicht von Ihnen selbst die bestätigende Nachricht erhalte! Döring3 ist ein guter Dichter und ich zweifle nicht, daß er den Stoff in geistreicher Weise ausgeführt haben werde.
Im Gefühl großer Hochachtung und Freundschaft
ganz der Ihrige
E. Gehe –
| Autor(en): |
Gehe, Eduard |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Bergmann, Johann Gottfried Döring, Georg Funck, Friederike Keller, F.G. Schröder-Devrient, Wilhelmine Veltheim, Charlotte Wagner, Albert Wendt, Amadeus |
| Erwähnte Kompositionen: |
Spohr, Louis : <%Der%> Berggeist Spohr, Louis : Jessonda |
| Erwähnte Orte: |
Dresden |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Dresden> |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1825030846 bitlx |
Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Gehe, 18.03.1824. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Gehe an Spohr, 09.02.1836.
[1] Noch nicht ermittelt.
[2] Zur Dresdener Inszenierung vgl. „Dresden. Uebersicht der Monate September bis Ende December 1824“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 27 (1825), Sp. 64-68, hier Sp. 65; „Dresden, Ende Dezember 1824“, in: Berliner allgemeine musikalische Zeitung 2 (1825), S. 39 und 47f., hier S. 47; Guido, „Dresden, 9. Dezember 1824”, in: Morgenblatt für gebildete Stände (1825), S. 55f., hier S. 56; „Eine Stimme aus Dresden über Jessonda, Oper in drei Akten von Spohr und Gehe”, in: Zeitung für die elegante Welt 25 (1825), Sp. 113-116 und 123-126; „Dresden. Ende November 1824”, in: Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (1825), S. 131f. und 142f.
[3] Nachdem Spohr Gehes Entwurf zur Oper Der Berggeist ablehnte, übernahm Georg Döring das Libretto.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (17.04.2025).