Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hamburg d 26t Juni 1824. 

Werthgeschätzter Herr Capellmeister! 

Der nunmehr die Cataloge des musikalischen Nachlasses meines verstorbenen Schwagers des Musik-Directors Schwencke fertig geworden sind, und der Tag des öffentlichen Verkaufs dieser Musicalien festgesetzt ist, so verfehle ich nicht auch Ihnen, als sehr speciellen Freund des Verstorbenen, einen dieser Cataloge zu übermachen, falls Sie etwa auf das Eine oder Andere dieser Werke reflectiren sollten.1
Nächdem erlaube ich mir bei dieser Gelegenheit noch eine Anfrage. Es hat sich nemlich einer meiner jüngsten Söhne der Tonkunst gewidmet; er ist bis jetzt nicht unfleißig gewesen, so daß er mit den allgemeinen Begriffen und Einsichten dieser Kunst eine Vorkentniße im Generalbass und ein ziemlich fertiges Violinspiel verbindet. Violine habe ich sowohl als er selbst zu seinem Haupt-Instrumente erwählt; er hatte zuletzt von H. Ed. Grund Unterricht und in der Composition von H. Wilh. Grund. Es bleibt ihm jedoch noch sehr sehr viel zu lernen übrig, doch glaube ich daß nunmehr der Zeitpunkt eintreten ist, wo ihn die Anleitung eines großen Meisters einen solchen Nutzen gewähren kann, daß er sich dadurch zu der Vollkommenheit ausbildet, die man von einem mehr als gewöhnlichen Künstler zu forden2 berechtigt ist, und da wüßte ich keinen, dem ich die fernere Leitung meines Sohnes so gerne anvertrauen möchte als Ihnen. Meine Anfrage geht demnach dahin, ob Sie sich wohl dazu verstehen würden der fernere Lehrer meines Sohnes zu werden u unter welchen Bedingngen? Ich darf von seinem guten Willen und seinem Wunsche sich nach Ihnen3 bilden zu dürfen und durch Sie gebildet zu werden, ermessen, daß er sich alle Mühe geben wird sowohl durch seinen Fleiß als durch sein sonstiges gutes Betragen Ihre Zuneigung zu erwerben, damit Sie auch auf ihn die freundschaftlichen Gesinnungen welche Sie für Ihre frühern Zöglinge gehegt haben übertragen können. 
Da ich übrigens als Vater einer zahlreichen Familie gerade nicht in der Lage bin ein Großés an seinen dortigen Aufenthalt zu wenden, indessen ihn darum soch auf eine anständige Weise unterhalten wollte, so bitte ich noch schließlich um Ihren freundschaftlichen Rath, wie die Einrichtung zu machen wäre, daß er dort auf anständigem jedoch so wenig als möglich kostspieligen Fuße leben könnte.
Ihrer gütigen Antwort sehe ich entgegen und zeichne mich

mit besonderer Hochachtung
Ihren ergebenen
Heinr. Aug. Ferdinand Hartmann
Dammthorstraße No 324.

Autor(en): Hartmann, Heinrich August Ferdinand
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Grund, Eduard
Grund, Wilhelm
Hartmann, Peter Christian Georg
Schwencke, Christian Friedrich Gottlieb
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1824062646


[1] Zu Hartmann als Nachlassverwalter vgl. Johann Friedrich Schwencke an Spohr, 19.03.1823.

[2] Sic!

[3] Hier gestrichen: „zu“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.05.2026).