Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Frankfurt a. M. 
den 6ten April 1824. 

Theuerster Freund,

Auch ich bitte Sie, eher den hier beifolgenden 1. Akt der Oper zu lesen, als diesen Brief. 


Sie werden nun sehen, daß das Ganze1 durch das poetische Leben einer Idee ergänzt wird, fortlebt und sich rundet. Der Berggeist nun von dem Worte Liebe wunderbar betroffen, entschließt sich die gerühmte Herrlichkeit dieser Macht zu prüfen, um sie, entspricht sie der Beschreibung, in sein Reich einzuführen. Er erkennt zuletzt, daß durch Liebe die Geister von ihrem reinen Streben abgegangen und zum Unrecht ermuntert werden: deshalb gibt er die Alma los und vereint die Getrennten. Um den Gegensatz zwischen Geistermacht und Menschenunmacht lebendiger darzustellen, lasse ich den Oskar siegreich aus einem Kampfe für die Geliebte zurückkehren. Um ihn ferner interessant zu machen, darf er nicht so unthätig bleiben, wie er früher war. Im zweiten Akte – statt der Szene mit Wladislaw und seiner Gesangszene – irrt er in2 Felsumgebung, um die Geliebte zu suchen. Nach einem Duett mit dem Vater, der ihn zurückmahnt, folgt seine Szene. Dann erscheint die auch umherirrende Ludmilla. Beide werden von Troll überrascht, der, von der kalten Blumengestalt geärgert, ihr Urbild auf Erden suchen will. Gegen ein Liebesversprechen führt der Gnom die Ludmilla und den Oskar durch eine Felsenspalte in das unterirdische Reich hinab. Bei dem Feste am Schluße dieses Akts vergehn in der Nähe der Feuergeister schon die Blumengestalten. Troll gibt Alma einen Wink der nahen Freunde. Im dritten Akt sehn wir auf einem Felsentische in Almas Gemach zwei Hiazinthen in Goldvasen. Cavatine Almas. Der Berggeist u. Troll zu Alma. Der Berggeist eilt in einem kurzen Terzett ab, um selbst eine Blume wachsen zu machen. Troll schlägt nun mit seinem Hammer an die linke Felsenwand. Diese öffnet sich und Ludmilla und Oskar zeigen sich schlummernd in einer glazvollen Nische. Alma in höchster Freude weckt beide gleich durch ihren Schrei. Sie eilen vor; der Felsen schließt sich. Quartett in diesem Musikstück singt Troll zu Ludmillen dieselben Worte, die er früher an die Blumengestalt gerichtet hat. Sie werden vom Berggeist überrascht. Troll pflückt schnell die zwei Hiazinthen wirft sie weg und gibt die Menschen für Blumengestalten aus. Der Geist wird in dem Anfang eines Quintetts zum Blumenzählen geschickt. Das nicht lange Quintett geht, nach seinem Abgange, in einer Art Gebet von den zwei Menschen und in characteristischen Dreingesang des Troll über. Flucht durch den wiedergeöffneten Felsen. Hierauf Finale
Die Oper erscheint auf diese Art in 3 Aufzügen, was ihr besonders darum gut ist, weil der dritte Akt ganz lahm wurde3. Selbst der zweite mangelte nach dem Duett des Gnomen mit der Gestalt alles Interesses. Ich habe nicht leicht abgeschmackteres Zeug gelesen, als Gehes Arbeit. Er muß auch nicht die mindeste Kenntniß vom Opernchore haben. Der Ratibor konnte auch nicht die mindeste Theilnahme erwecken, das Fest im 2ten Akte war ein bloßes Guckkastenspiel. Das langsame Sterben der Gestalten bis in den dritten Akt hinein widerte in der That. Ich glaube in dem schon zur Hälfte fertigen zweiten Akte die Blumen so gut karakterisirt zu haben, wie möglich. Das Duett mit Troll war keine leichte Aufgabe. So hat mich auch oft die Vermeidung des Reims, gegen den ich mich für diese Oper kaprizirt habe, oft in Verlegenheit gebracht. 

Um Hn. Gehe nichts schuldig zu seyn und ihm keinen Anlaß zur Einforderung einer Schuld zu geben, sind nun die Namen der Personen verändert. Der Gnom heißt Troll, ein nordischer Erdgeist
Zeigen Sie mir gleich den Empfang an und theilen Sie mir Ihre etwaigen Bemerkungen mit. Meine ganze Zeit widme ich der Sache. Im Anfang der nächsten Woche erhalten Sie das Ganze. Ich muß so eilen, da ich schon zu Ende Aprils Frankfurt verlasse, um eine Anstellung im Rheinischen anzutreten: wovon Nächstens mehr. 

Eilig und herzlich 
G. Döring.

NB. Heute wird Jessonda gegeben.
G.D.
Sollen wir des Gehe wegen das Stück, statt der Berggeist, den Herrn der Berge nennen?
D.

Autor(en): Döring, Georg
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Gehe, Eduard
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Jessonda
Spohr, Louis : Der Berggeist
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Stadttheater <Frankfurt am Main>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1824040647


Der letzte erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Döring, ab 25.03.1824. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Döring an Spohr, 12.04.1824.

[1] Hier gestrichen: „sich“.

[2] Hier gestrichen: „Wald“.

[3] Döring bezieht sich hier offensichtlich auf das Rübezahl-Libretto, das Spohr sich zunächst durch Eduard Gehe schreiben ließ (vgl. Döring an Spohr, 22.03.1824).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (20.03.2026).