Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochzuehrender Herr Capellmeister!

Fräulein von Calenberg hatte die Gewogenheit, bei ihrer Abreise von hier, einen Brief zur gefälligen Uebergabe für Sie, Verehrtester, zu übernehmen und ihre am 29t Novbr v. J. eingegangenen Zeilen an meine Tochter liefern den Beweis wohlwollender Gefälligkeit. – Recht leid that es mir von1 der damalig erlesene Einladung nicht Gebrauch machen zu dürfen, weil die Erlaubniß für die Zeit nicht ausgewirkt werden konnte, welches meine Tochter Fräulein von Calenberg zu berichten veranlaßt wurde.
In Bezug auf jenes frühere freundliche Erbiethen bin ich so frey Ihnen zu erörtern: daß bey Beginn der Oster-Ferien, am 2ten April, drey Wochen zu benutzen wären dann aber erst wieder für den August Urlaub zu einer Reise ausgewirkt werden können – Wenn Ihnen der Wunsch meiner Tochter für sechs Gastrollen auf dero Theater Sr. k. H.2 des Churfürsten noch genehm wäre, hätt’ ich zu ersuchen um die Gewogenheit, Ihre wohlwollende Meinung, in eigener Antwort, nicht zu lange vorenthalten zu wollen.
Es war mir damals sehr angenehm durch Fräulein von Calenberg zu vernehmen, wie Sie, verehrter Herr Capellmeister, auf eine Anstellung für meine Tochter bedacht gewesen, auch meinem Wunsche entsprach der Gedanke, indem das Opernwesen im allgemeinen nicht die genügenste Seite darbiethet hier welches bei den schönen vorhandenen Mitteln um so mehr zu beklagen steht. Ich rede zu einem Manne, daher ist das Anrathen des sub rosa3 unnöthig. Nachdem ich obigen Wunsch für die Zukunft ausgesprochen habe, war gleicher Plan vorauszusetzen ist, eine mehr als einjährigen Contract in Erwägung zu ziehen, ist wohl von beiden Theilen die Vorsicht erforderlich: die Gunst des Hofes, wie des Publikum’s, zuvorderst erprobt zu haben. – Bei den cursirenden Lobhudeleyen ist es wahrlich eine gar zu mißliche Sache und die Erwartung, welche von dem Ankömmling die Masse hegt, die doch gewonnen werden soll, wenn schon das Bravo der Kenner vorangegangen ist. Ungern bezieh’ ich mich auf Beyspiele, jedoch werde ich, zur Rechtfertigung des Gesagten, genöthigt, die von hier nach Cassel gekommene, jedoch nur auf kurze Zeit dort verbliebne Sängerin4 in Anregung zu bringen.
Vergeben Sie die begangene Ausschweifung und gewähren mit der Versicherung zu schließen, daß mir und der Tochter ein wahrhaftes Vergnügen bereitet würde den Mann, der alle Verehrer der Tonkunst in seinen Schöpfungen, wie auch der Person ehren, und so wie wir aufrichtig schätzen, wiedersehen und auf’s neue bedauern zu können.
Mit vollkommener Hochachtung und Ergebenheit
Ihr 

bereitwilliger 
Fr. Veltheim

Dresden. 23 Januar 1824.
Frauengasse No. 409.

Von Beschwerde der Einlage zu gütiger und richtiger Befindung durch dortiges Postamt, habe ich um Nachsicht zu bitten.

Autor(en): Veltheim, Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Calenberg, Philippine von
Veltheim, Charlotte
Wilhelm II. Hessen-Kassel, Kurfürst
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1824012347


Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Charlotte Veltheim. Spohrs Antwortbrief vom 19.02.1824 ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] „von“ über der Zeile eingefügt.

[2] Abk. f. „Seiner königlichen Hoheit“.

[3]sub rosa, l. eig. unter der Rose (als Bild der Vertraulichkeit, d.h. im Vertrauen, insgeheim)“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter entstellenden fremden Ausdrücke, zu deren Verstehn und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 442). 

[4] Noch nicht ermittelt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.07.2026).