Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck: Axel Beer, Heinrich Joseph Wassermann (1791-1838) (= Schriften zur Musikwissenschaft aus Münster 2), Hamburg und Eisenach 1991, S. 137 (teilweise)

Sr. Wohlgeboren
dem Herrn Kapellmeister
Louis Spohr
Cassel

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Meiningen, d. 21 Jan 232

Lieber Herr Kapellmeister,

Schon vor längerer Zeit hab ich Ihnen geschrieben u. den Brief dem Herrn Rudersdorff, einem guten Violinspieler, zur Ueberbringungen gegeben, u jetzt erst erfahre ich, daß sich die Reise nach Cassel dieses Herrn verzögert hat u. er noch ruhig in Arnstadt sich aufhält. – Es sollte mir nur leid thun, wenn Sie daher mich eine Zeitlang für einen nachläßigen Menschen gehalten hätten. – Noch bis vor ganz kurzer Zeit war es mein fester Entschluß zu studiren, jetzt aber ist mein Arm so bedeutend besser geworden, daß ich jenen Entschluß wieder aufgegeben habe. – Vor kurzem hab ich Ihre Es dur Synfonie einstudirt, sie geht ganz vorzüglich gut u. gefällt mir ganz ausnehmend, Hildebrandt und Schröder sind schon wieder recht ordentlich in Thätigkeit gesetzt; – beyde haben mir so viel von Ihrer Jessonda erzählt, daß ich außerodentlich begierig bin sie zu hören; um die Ouverture dazu möcht ich sie bitten, Sie wissen ja wem Sie sie geben und welche Freude Sie mir dadurch machen würden, – nicht wahr: ich bekomme sie! – Mein Gehalt hat sich vergrößert, ich bekomme jetzt 900 fl. und freyes Logis; – überhaupt bin ich jetzt immer sehr vergnügt, in mir selbst vergnügt; – der Herzog ist noch immer mein treuer Freund u. bey keinem Hofzirkel darf ich fehlen. ich bin aber vernünftig genug, keinen weitern Werth darauf zu legen, sondern das mehre Glück mir aus mir selbst zu schaffen. – Wie ist es Ihnen seit Ihrem letzten Brief3 gegangen? waren Sie Ihrer Jessonda wegen in Frankfurt? ist Ihre gute Frau u Emilie u. Ida wohl? – Geben Sie mir ja bald Nachricht. – daß mein Bruder Ferdinand braver Ehemann ist? daß meine Schwester Julie Braut ist, wissen Sie wohl schon? der Bräutigam heißt Carl Schmilinsky u. ist Compagnon von H. Des Arts, Schwiegersohn der Mad. Sillem. – Die Musikaufführung Wilhelms ist sehr gut ausgefallen, er hat jetzt alle Wahrscheinlichkeit für sich die Direktorenstelle zu erhalten. – Vor ohngefähr 4 Wochen war Wassermann hier, in der Absicht meine Stelle zu erhalten; – ich hatte an4 Hauptmann gedacht u. wollte ihn vorschlagen, der Herzog wollte aber die Stelle ein ganzes Jahr unbesezt laßen, in der Meynung, daß mir das Studiren so wenig gefallen würde, daß ich nachher wieder zu meiner Kunst zurückkehren würde. –
Auf mein jetziges zufriedenes Gemüth haben Horaz Oden sehr viel Einfluß gehabt, ich beschäftige mich auch zuletzt noch sehr viel mit den lateinischen Werken. – Leben Sie recht wohl, grüßen Sie Ihre Familie 1000 mal und behalten Sie lieb Ihren

treuen
Eduard G.

Hildebrandt u. Schröder laßen Sie vielmals grüßen, beyde sprachen mit wahrer Liebe von Ihnen.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Grund an Spohr, 18.11.1823. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Grund an Spohr, 21.07.1824.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich links oben der Poststempel „MEININGEN / 22 JAN 1824“, auf der Rückseite des zusammengefalteten Briefumschlags befindet sich der Stempel „25 JAN 1824“.

[2] Recte „24“! Offensichtlich ein Schreibfehler durch einjährige Gewohnheit aus dem Vorjahr.

[3] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[4] „an“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.12.2022).