Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Wohlgeborner Herr,
Hochgeehrter Herr Kapellmeister.
Mit unendlicher Freude habe ich durch Euer Wohlgeboren ehrenvolles Schreiben vom 1. December erfahren, daß ich dem Gedächtniß eines so wahrhaft hochverehrten Mannes, wie Euer Wohlgeboren, nicht erloschen bin, und ich ergreife beschämt die Feder, um Sie zuerst um Verzeihung zu bitten, daß ich es unterlassen habe, Ihnen für Ihre frühere Güte meinen herzlichsten Dank noch besonders zu senden.
Doch, um Sie nicht von wichtigern Geschäften abzuhalten, gebe ich schnell zur Beantwortung Ihres gütigen und ehrenvollen Schreibens über.
Nach vielfältigen Bemühen erhält unser Theater, vom ersten Januar 24 an eine neue Gestalt, indem unser jetziger Musikdirector Bierey daßelbe übernimmt bei welchem eine ganze Stellung so vortheilhaft ist, daß ich mir vorgenommen hatte, Breslau nicht sobald zu verlassen, wenn mir nicht eine bedeutend vortheilhafteres Engagement offen stünde. Euer Wohlgeboren ehrendes Schreiben jedoch hat mich in diesem Entschluß wankend gemacht, indem ich mir wohl nicht verhehlen kann, daß ein Engagement an einem so hoch stehenden Theater, wie das Ihrige, ehrenvoller, und womöglich in Rücksicht meiner fernern Ausbildung vortheilhafter ist als das hiesige, und ich also daher, der ich noch nicht mit Bierey abgeschlossen habe, Ihnen meine Bedingungen einzusenden, indem es mir sehr angenehm seyn würde, mich unter der Leitung eines solchen Musikers ferner auszubilden.
Dass, was mich vorzüglich an das hiesige Theater fesselt, ist meine künstlerische Stellung, von der ja doch immer das Heil eines jungen Künstlers abhängt, indem man ohne vortheilhafte Beschäftigung bey allem Studium doch zurück bleibt. – Ich bin hier erster Tenor und es stehen mir dem gemäß alle erste Singparthien zu. Daran kann nun bei einem Engagement in Cassel nicht die Rede seyn, indem ich dort an Gerstäcker einen gefährlichen Nebenbuhler hätte, welcher freylich auf der anderen Seite auch wieder ein so großer Sporn wäre, denn wer im Leben Ruhm erwerben will, muß auch den Kampf mit würdigen Gegnern nicht scheuen, und es bringt mir am Ende immer mehr Ruhm, mich neben Gerstäcker in Cassel, als allein in Breslau zu halten.
Dabei ist nun aber meine Bedingung, daß ich mich nicht für zweyte Tenorparthien engagiren müßte, sondern als zweyter erster Tenorist, wenn ich mich so ausdrücken darf, angestellt würde, indem ich im ersten Falle der Nachtheil für mich zu groß seyn würde, wenn ich auf der einen Seite verhindert würde, ausübern zu können, was ich mit der andern kann. Dabey könnte übrigens natürlich nicht die 9Rede davon seyn, daß ich mich je weigern würde, eine zweyte hohe Parthie neben Gerstäcker zu übernehmen, ich spreche hier nur von den sogenannten zweyten tiefen Parthien, zu welchen sich schon meine Stimme gar nicht eignet, welche sich nahmentlich frey u leicht in den hohen Tenortönen bewegt.
Vielleicht war nichts andres Ihr Wille, und ich bitte daher um Verzeihung, wenn ich diese Bedingung aus Unkunde Ihrer Theaterverhältniße gemacht habe.
Meine Bedingungen wären also in Kurzem engagirt zu seyn, als Tenorist für hohe erste Parthien mit 1600 Rthler Preußisch Cour. Gage; 200 Rth Vorschuß und verhältnißmäßig in Reisegeld.
Zuletzt müßte ich nur die Bitte hinzufügen, mir sobald als möglich bestimmte Antwort zukommen zu laßen, indem Herr Bierey recht bald mit Abschließung des Contracts dringen möchte.
Mein hiesiges Engagement geht bis zum 1 Merz 1824.
Am Schluße muß ich herzlich um Verzeihung der Länge meines Briefes wegen bitten, indem Ihre gütigen Gesinnungen mich verleiteten, mit Ihnen als einem verehrten Freund unseres Hauses zu sprechen.
In Erwartung baldiger Antwort bleibe ich in höchster Verehrung
Euer Wohlgeboren
ergebenster Diener
Carl Albert Wagner.
Tenorist am Breslauer Theater
Breslau
d. 14 Decbr 1823.
| Autor(en): |
Wagner, Albert |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Bierey, Gottlob Benedikt Gerstäcker, Friedrich (Vater) |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Kassel> Stadttheater <Breslau> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1823121444 |
Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Wagner, 01.12.1823. Spohrs Antwortbrief ist derzeit nur als Entwurf auf diesem Brief überliefert.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.12.2024).