Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Gehe:2
Dresden den 1sten September 23.
Geehrter Herr und Freund,
Mit großem Vergnügen habe ich aus Ihrem Briefe, und einem Blatte der Cassler Zeitung1, welches mir von Berlin aus zugespielt wurde, aus der Abendzeitung2 und aus einem andern Privatschreiben aus Cassel die übereinstimmende Nachricht von der glänzenden Aufnahme der Jessonda vernommen. Ich danke Ihnen namentlich für Ihren Brief recht herzlich und wünschte sehr, Augenzeuge Ihres Triumphes zu seyn. Vielleicht hilft mir eine Reise im künftigen Jahre dazu; vielleicht wird Jessonda an einem mir näher liegenden Orte aufgeführt. Doch bleibt es immer vorzüglich interessant, die Oper unter der Leitung des Componisten selbst zu hören. Da mich das fernere Leben der Jessonda sehr interessirt, so würden Sie mir durch eine Nachricht über die Aufnahme der Oper in Frankfurt große Freude machen. Darf ich noch eine Bitte aussprechen, so ist es folgende: In der Eile, womit ich die zweyte Bearbeitung des Textes, sobald ich damit zu Stande gekommen war, an Sie absendete, habe ich vergessen, mir eine Abschrift der Veränderungen zu behalten. Je größeren Beyfall nun die Oper findet, desto mehr muß ich wünschen, eine vollständige Abschrift derselben zu erlangen. Ich glaubte diesen Wunsch befriedigen zu können, indem ich um ein Textbuch bäte; da eben nach Ihrem Briefe ein solches nicht gedruckt wird, so muß ich Sie um die Gefälligkeit ansprechen, mit eine vollständige Abschrift der Oper auf meine Kosten entnehmen zu lassen und zu übersenden, wenn auch nicht in den ersten Wochen, da Sie jetzt für Frankfurt die Partitur zu besorgen haben. [wird in Frankfurt der Text gedruckt, so genügt mir ein Textbuch von dort]3
Sollte die Oper, wie ich hoffe und wünsche, auf den andern Theater Deutschlands gleiche Aufnahme finden, so dürfte es wohl eine erlaubte Speculation seyn, daß ich, wie das Buch zum Freyschützen, den Text besonders in den Buchhandel gäbe. Da aber hierüber bey unsern früheren Verhandlungen nichts ausgemacht worden ist, so werde ich natürlich hierbey nichts vornehmen als nach Ihrer eingegangenen Genehmigung.
Nach einem andern Stoffe will ich mich umsehen und Ihnen dann darüber schreiben um4 Ihre Meynung wegen Stellung der einzelnen Musikstücke und der Zahl der Sänger [zu ver]nehmen.5 Rübezahl6 müßte romantisch gehalten seyn. Ich will das Mährchen näher ansehn. Doch schwebt mir, für jetzt ganz dunkel, das Bild einer hochtragischen Oper vor der Seele. Ich denke: so vortreffliche Opernmusiken wir haben, so kann doch noch hinsichtlich der Texte eine ganz neue Bahn gebrochen werden. Ueber alles dies in Zukunft mehr. Wünschen Sie diesmal romantische Oper oder eine tragische im ächt classischen Geschmacke? So wie sich der Zeitgeist jetzt ausspricht – und wie wenig müssen sich doch alle darnach conformiren7 -- scheint es mir, als würke jetzt gerade das Romantische.
Den Freymüthigen will ich lesen. Der Aufsatz muß in einem der letzten Blätter stehn.8
Sollte die Jessonda einmal hier gegeben werden – was sind Ihre Gedanken darüber? – so könnten die weiblichen Partien durch die Schröder und Haase wohl besetzt werden, falls Jessonda selbst nicht Bravourgesang erfordert. Seele und Kraft hat die Schröder, die hier sehr gefällt. Die männlichen Rollen würden aber minder gut ausfallen, namentlich das Spiel des Nadori.
Mit Hochachtung [und] Liebe Ihr
ganz ergebener
E. Gehe.
| Autor(en): | Gehe, Eduard |
| Adressat(en): | Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: | |
| Erwähnte Kompositionen: | Spohr, Louis : Der Berggeist Spohr, Louis : Jessonda Weber, Carl Maria von : Der Freischütz |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: | Hoftheater <Kassel> Stadttheater <Frankfurt am Main> |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1823090146 |
Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Gehe, zwischen 22. und 29.08.1823. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Gehe an Spohr, 16.10.1823.
[1] „Kassel. Den 28. Juli Abends“, in: Kasselsche Allgemeine Zeitung 29.07.1823, nicht paginiert.
[2] „Kassel am 5. August 1823“, in: Abend-Zeitung <Dresden> (1823), S. 816, 820 und 792 [recte 824], hier S. 820.
[3] Ausdruck in Klammern am unteren Seitenrand eingefügt.
[4] Hier ein Wort gestrichen („d[???]“).
[5] Textverlust durch Beschädigung.
[6] Aus diese Projekt entstand schließlich Der Berggeist.
[7] „conformiren, übereinkommen, anbequemen, beistimmen“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter entstellenden fremden Ausdrücke, zu deren Verstehn und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 106).
[8] „Aus Cassel. Am 1. August“, in: Der Freymüthige 20 (1823), S. 132.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (07.03.2025).