Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Verehrtester Herr!

Die gütige Bereitwilligkeit, mit der Sie uns während unsers damahlingen Aufenthaltes in Frankfurt entgegenkamen, geben mir das Vertrauen, mich in einer Sache, in der mir durchaus die Kennniß der zu berücksichtigenden Verhältniße mangelt, – an Sie zu wenden, und um Ihren gütigen Rath zu bitten. Meine Frau hat dieses Jahr die Monathe April und Mai, oder auch den Zeitraum vom 15t April bis 15t Juny zu ihrer Disposition. Erlaubten es vielleicht die Umstände, daß Sie in Cassel – den Urlaub mit noch einer Bühne theilend, – 6 bis 8 – oder ihn blos für Cassel benützend, – 12 bis 15 Gastrollen geben könnte?? Das Honorar zu 20 Fr. d’or für für eine Rolle (welches sie vor 2 Jahren auch in Hamburg hatte) dürfte wohl, bey der gar zu weiten Reise, und den dadurch bewirkten bedeutenden Unkosten, nicht zu übermäßig seyn.
Nicht uninteressant dürfte es für Sie vielleicht seyn, zu vernehmen, daß den 13t d. M. die italienische Oper mit Otello begann1, – heute sollte sie zum 2t mahl seyn, allein Herr Donzelli (Otello) ist unpäßlich. Die Wiener besonders der Adel sind natürlich untröstlich über dergleichen Mißgeschicke. Die Fülle im Theater war das 1t mahl erstickend. Mad. Fodor ist vortrefflich, auch Donzelli gefiel sehr. David, der so sehr ersehnte, und für dieses Jahr neuerdings erbethene gurgelte ihnen doch ein wenig zu viel vor; und gleich sagte man,2 seine Stimme sey nicht mehr dieselbe. Allein er ist zum 2teb mahle da, und man hat sich an seine Seiltänzereien gewöhnt. Die Angelegenheit der ital. Oper3 wird hier mit einer Wichtigkeit behandelt, daß mich es nur wundert, daß nicht täglich Bulletin, über das Befinden der ital. Sänger ausgegeben werden. Schon die erste Vorstellung mußte wegen Unpäßlichkeit d Mad. Fodor um 2 Tage verschoben werden, und sogleich stand auf dem Zette, daß sie eine heftige Halsentzündung bekommen habe. Nur einWunderdoktor kann sie in 2 Tagen davon geheilt haben.
In welcher Armseligkeit die deutsche Oper nun vor den entzückten Wienern dasteht, können Sie sich leicht denken. Sie erscheint wie ein veraltetes Extra-blatt aus den Kriegsereignissen von anno 1813- und 14. Da übrigens die ital. Oper die Administration nicht allein erhalten kann, und4 noch diese Uiberreitzung auf Sättigung erfolgen muß, so kann für diese Vernachlässigung der deutschen Oper, welche, da sie zu schlecht ist, kein Geld mehr einzubringen vermag, die Vergeltung nicht ausbleiben.
Meine Frau empfielt sich Ihnen bestens. In der angenehmen Hoffnung, recht bald eine günstigge Antwort zu erhalten, hjabe ich die Ehre zu seyn
Ihr

ergebenster Diener
Chr. Grünbaum
Wollzeil Nro 772.

Wien d. 15t März
1823.

Autor(en): Grünbaum, Johann Christoph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: David (Tenor)
Donzelli, Domenico
Fodor-Mainvielle, Joséphine
Grünbaum, Therese
Erwähnte Kompositionen: Rossini, Gioachino : Otello
Erwähnte Orte: Wien
Erwähnte Institutionen: Hoftheater am Kärntnertor <Wien>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1823031543

Spohr



Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Grünbaum an Spohr, 21.09.1825.

[1] Vgl. „Wien. Musikalisches Tagebuch vom Monat März“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 25 (1823), Sp. 266-271, hier Sp. 269ff.

[2] Hier gestrichen: „sey“.

[3] Hier ein Wort gestrichen („mit“?).

[4] Hier gestrichen: „erst“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (14.06.2023).