Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Sr Wohlgeb.
den Herrn Kapellmeister
Louis Spohr
in
Cassel
fr1
Wohlgebohrner,
Hochgeehrter Herr Kapellmeister!
Indem ich Ihnen für die gütige Verwendung bey der Intendanz meinen herzlichen Dank erstatte, melde ich Ihnen zugleich, daß ich das Anerbiehten: in der Mitte des Monaths Aprill vier Gastrollen für das dabey bestimmte Honorar (welches wohl etwas kleiner ist) mit Vergnügen annehme, weil es mich eines Theils sehr glücklich macht, zur Feyer der von mir so hoch verehrten Fürstin2 Auftreten zu können, und zweytens die Gelegenheit habe, mit Ihnen verehrter Meister, wenn auch nur kurze Zeit zusammen zu seyn. Angenehm würde es mir seyn, wenn Sie mir die Rollen der neuen Oper, und ein Verzeichniß der bey Ihnen einstudirten Opern gütigst zu sendeten, wonach ich denn die drey noch zu gebenden Rollen bestimmen könnte. Gern möcht Ihnen einige Kunstnachrichten von hier mitheilen, allein über das hiesige Theaterwesen läßt sich nicht viel gutes sagen, alles geht einen Schlendergang, der Ganze dreht sich um einige Glucksche, Spontinische, und Mozartsche Opern, die wenn sie abgeleyert sind, immer wieder kehren. Ein Gleiches könnte man von der Zelterschen Akademie sagen, wo man nichts als Fasch und Bach hört. Konzerte sind alle unbesucht, es müßte denn die Mad. Seidler eins geben, dann gehört es zum Ton hinein zu gehen. Der Schrey Fritz zieht noch immer3, und der Graf Brühl liebt ihn sehr, weil er den Spontini nicht liebt! – Es ist übrigens ein Glück, das der Letztere nicht so furchbar als Rossini ist, sonst müßten die Sänger und die Kapelle alle ins Gras beißen.
Einer baldigen Antwort entgegen sehend, bin ich mit der vorzüglichsten Hochachtung Ihr
ganz ergebener
Julius Miller.
| Autor(en): |
Miller, Julius |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Auguste, Hessen-Kassel, Kurfürstin Bach, Johann Sebastian Brühl, Karl Moritz von Fasch, Johann Friedrich Gluck, Christoph Willibald Mozart, Wolfgang Amadeus Rossini, Gioachino Seidler-Wranitzky, Caroline Spontini, Gaspare |
| Erwähnte Kompositionen: |
Weber, Carl Maria von : Der Freischütz |
| Erwähnte Orte: |
Berlin |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Kassel> Königliche Schauspiele <Berlin> Singakademie <Berlin> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1823022244 |
Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Miller. Spohrs Antwortbrief vom 02.03.1823 ist derzeit ebenfalls verschollen.
[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts in der Mitte der Poststempel „BERLIN / 22 FEBR.“, auf der Rückseite des zusammengefalteten Briefumschlags der Stempel „25FEB1823“.
[2] Vgl. „Ehmals war ich in Cassel nicht unbeliebt, und Ihre Königl. Hoheit die Frau Kurfürstin hatte die Gnade mich zu protegiren“ (Miller an Spohr, 08.02.1823).
[3] Vgl. „Berlin. Uebersicht des December 1822“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 25 (1823), Sp. 55ff., hier Sp. 56.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.09.2026).