Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Theuerster Herr Capellmeister,

Unter den vielen zur Besetzung der Rombergschen Stelle vorgeschlagenen Violinspieler vereinigt der Violinist Molique in München die meisten Stimmen. Aber freilich ist unter allen denen, welche ihn empfahlen kaum einer der ihn selbst gehört hat, oder dem ich ein vollgültiges Urtheil zutraue. Ich wende mich daher an Sie, mein lieber Freund, der unser Verhältniß kennt, wie auf einer gleichen Höhe des Kunstgeschmacks und der Unpartheilichkeit steht, mit folgenden Fragen:
1.         Halten Sie H. Molique für fähig die erledigte Stelle zu bekleiden?
2.         Würde er mit einem Gehalte von 800-1000 Rth dieselbe nehmen, und
3.         wenn beide Fälle einträten, könnten Sie ihm nicht erwärmen, sich durch einen Brief an mich zu wenden.
Unser jetziges Bedürfniß erfordert, wie Sie wissen, einen guten Violinspieler und Musik-Direktor für‘s Concert; künftig wäre es wohl möglich, daß auch die Eigenschaften eines Opern-Dirigenten sehr angenehm würde, da der Bau eines neuen Hauses, noch immer im Werke ist.
Ich höre Wunderdinge von Ihrem Orchester, auch von Ihrer Oper und dem Theater überhaupt; das wundert mich nicht bei den Mitteln und der Freigebheit des Souverains und den Erfahrungen des Direktors. Aber selbst überzeuge nicht ich mich gern, wenn nicht so Vieles noch meinen Aufenthalt in Gotha nothwendig machte. Nur erst wenn die Blätter niederkommen, die jetzt fallen, machte ich mir die angenehme Aussicht, Ihrer Frau Gemahlin und Ihnen in Cassel meine Verehrung und Anhänglichkeit zu bezeugen.
Mein alter Wirkungskreis existirt nur noch dem Nahme nach, in dessen habe ich doch den Trost, keinen meiner Untergebenen brodlos zu sehn, und immer sage ich ihnen zur Beruhigung, so wie mir, daß es besser sey, wenn uns die Stelle verlässt, als wenn wir sie verlassen müsten.
Empfelen Sie mich den theuren Ihrigen, allen denen die sich meiner erinnern achtungsvollst und sein Sie überzeugt von der unwandelbaren und treuesten Hochachtung und Ergebenheit, womit ich ehre
Ew. Wohlgeb.

Gehorsamster Diener
und treuester Freund u Br.1
Salisch.

Autor(en): Salisch, Carl Heinrich von
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Molique, Bernhard
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Gotha
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Gotha>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1822092747


Der letzte erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Salisch an Spohr, zweite Hälfte Dezember 1821.

[1] Abk. f. „Bruder“: Salisch und Spohr gehörten beide der Gothaer Freimaurerloge an.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (28.05.2026).