Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck 1: Christoph Öhm-Kühnle, Er weiß jeden Ton singen zu lassen“. Der Musiker und Klavierbauer Johann Andreas Streicher (1761-1833) – kompositorisches Schaffen und kulturelles Wirken im biografischen Kontext. Quellen – Funktion – Analyse, Phil. Diss. Tübingen 2008, S. 63f. (teilweise)
Druck 2: Ders., dass., München 2011, S. 67f. (teilweise)
Druck 3: Alexander Langer und Peter Donhauser, Streicher. Drei Generationen Klavierbau in Wien, Köln 2014, S. 299 (teilweise)
Inhaltsangabe: Uta Goebl-Streicher, Das Reisetagebuch des Klavierbauers Johann Baptist Streicher 1821–1822, Tutzing 2009, S. 8

Wien

Sr Wolgeborn
Herrn L. Spohr
Opern und Musik Director Sr königl. Hoheit
des Churfürsten von Hessen
zu
Cassel


Wien, am 10ten Sept. 1822.

Verehrtester Freund!

Von meinem Sohne, der den 28 ten Aug. glüklich hier ankam, habe ich mit größtem Vergnügen erfahren, daß er sie in Cassel besucht, sehr gut von ihnen aufgenommen worden ist, und das Glük gehabt, sie und ihre vortrefliche Composition zu hören.1 Ich danke ihnen herzlich, für die vielen Gefälligkeiten die sie ihm erwiesen haben, und bedaure mit ihm daß seine Reise zu eilig war, als daß er noch länger bey ihnen hätte verweilen können. Indessen ist mir auch ihr werthes vom 24ten Aug. zugekommen, welches den Wunsch enthält für eine Dame2 ein gleiches Instrument wie das lezte so sie erhalten, um 280 Cf im 20f Fuß abzuliefern. Da sie selbst wissen, daß für jeden einzelnen Besteller der Preis eines solchen Instrumentes 330 Cf ist, so begeben sie sich freywillig des Vortheiles von 50 Cf, wenn sie es der Dame eben so geben, wie sie es für sich selbst erhalten. Geht nun eine Bestellung durch sie selbst, oder durch ihre schriftliche Empfehlung, so bleibt ihnen immer der geringere Preis. Jedoch macht es ihnen und mir keinen Nutzen, wenn dieser Nachlaß für jedermann ist. Das bestellte PF. wird unverzüglich in Arbeit genommen und so bald als es fertig ist, ihnen von dem Versand Nachricht gegeben werden.
Was das c’’’’– e’’’’ betrift, so hat ihnen mein Sohn die reine Warheit gesagt, und um diese hohen Töne nur leidlich rein zu bekommen, macht immer die größeste Arbeit an einem Instrumente. Hauptsächlich ist die Kürze der Saiten daran Schuld, so wie öfters die verschiedene Beschaffenheit des Holzes bey den Tasten, den Hammer Stielen, Hammer Köpfen, des Steeges und Resonnanz Bodens. Ich rathe nicht, schwächere Saiten aufzuziehen, indem der Ton noch dünner und hölzerner werden würde. Wäre die Umänderung eines Piano so einfach und so wenig kostspielig wie bey einer Violine, dann ließen sich noch viel mehr Versuche anstellen, obwohl man auch bey den höchsten Tönen der Geige, den Bogen Strich viel stärker hört, als bey denen, wo die Schwingungen der Saiten langsamer und länger sind.
Wenn sie einen recht geschikten Geigen Macher in Cassel haben, und [dieser] in dem Falle wäre, auf eine alte Geige einen neuen Dekel, oder auch eine ganz Neue machen zu lassen, so will ich dem Instrumente Holz beilegen, das besser und tauglicher für den Ton, als das, so 300 – 400 Jahre alt ist. Ich habe diese Vorrichtung des Holzes schon seit 6 Jahren eingeführt, und es sind seitdem alle mögliche Versuche auf Violinen, Bratschen, ViolonCelle, Flöten, Fagott, Orgel Pfeifen angestellt, und ohne Ausnahme ausserordentlich vortheilhaft befunden worden.3 Eine solche Violine, woran aber Dekel, Zarge, Boden und Hals, von demselben Holze (Ahorn und Fichten) war, hörte ich gegen eine Guarneri probiren, welche aber hart, unrein und rauh klang, wogegen die Töne der andern alle, ohne Ausnahme, vollkommen rein, voll und hell waren, und bey jedem Sexten Griffe, die Unter Quarte angaben. Sollten sie gesonnen seyn einen Versuch damit anzustellen, so schreiben sie mir es sogleich, und ich werde ihnen [Holz] zu einigen Violinen schiken, ohne daß es etwas kostet. Nur bitte ich, daß sie dann auch gewis einen Versuch damit machen, und mir den Erfolg wissen lassen.

Meine Frau, mein Sohn, empfehlen sich ihnen und ihrer lieben Familie auf das angelegentlichste besonders aber
Ihr Ergebenster
A. Streicher

Autor(en): Streicher, Andreas
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Streicher, Johann Baptist
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1822091047

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Streicher, 24.08.1822. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Streicher, 03.12.1831.

[1] Johann Baptist Streicher hatte am Ende seiner fast einjährigen Reise durch Europa auf dem Rückweg Station in Kassel gemacht und Louis Spohr besucht (vgl. Uta Goebl-Streicher, Das Reisetagebuch des Klavierbauers Johann Baptist Streicher 1821–1822, Tutzing 2009, S. 8).

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Andreas Streicher stellte sein Verfahren ausführlich vor in: „Das Auslaugen des Holzes und seine Wirkung nebst einer genauen Beschreibung des Verfahrens, und der vollständigen Abbildung des Dampfkastens, so wie des Troknungsgewölbes“, in: Polytechnisches Journal 36 (1830), S. 199-219.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Uta Goebl-Streicher (28.04.2020).