Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Sr. Wohlgeb.
dem Herrn Kapellmeister Spohr.
am Herzoglichen Theater
zu
Cassel.
franco
Breslau den 12 Juny 1822.
Wohlgeborner Herr
Hochgeehrter Herr Kapellmeister
Auf die Zusicherung meiner Mutter, daß Ew. Wohlgeboren mir gütigst verzeihen werden, gestützt, wage ich Sie von mähligen Geschäften auf einige Augenblicke aufzuhalten. Meine Mutter, von meinem Verlangen die Welt zu sehen, und mich dadurch in meiner Kunst zu vervollkommenen, unterrichtet, sagte mir, als sie mich vor 2 Monathen besuchte, daß sie sich ohne mein Wissen mit einer Bitte und Anfrage an Sie gewendet hätte, ob vielleicht an Ihrem Theater noch ein Platz für einen Tenoristen, oder für jetzt wenigstens eine Gelegenheit zu einem Gastspiel offen wär.
Offenherzig gestehe ich Ihnen, daß Cassel für jetzt noch nicht zu den Theatern gehörte, wo ich mir ein Gastspiel oder ein Engagement wünschte, indem ich mich offenbar noch zu schwach glaube, gegen Gerstäckers Ruf und ausgebildetes Talent aufzubieten, und eben ohne einen, meiner Liebe zur Kunst angemessenen Platz zu behaupten. Der Brief Ihrer verehrungswürdigen Gemahlin kam an, und mit ihm die Versicherung, daß wohl noch ein Platz offen wäre, und Ew. Wohlgeboren selbst so gütig seyn wollen, sich bey der Direction für mich zu verwenden.1 Durch Ihre gütige Versicherung erfreut über die Hoffnung, unter der Leitung eines Mannes stehen zu können, von dem ich selbst vor einigen Jahren schon so himmlisches gehört, und den mit Recht die musikalische Kronick unter ihre Festen(?) zählt, schwankte ich bis jetzt, ob ich mich mit dem Gesuch um ein Engagement oder Gastrollen an Ew. Wohlgeboren wenden, oder Ihnen blos für Ihre große Güte danken sollte. Der letzte Brief meiner Mutter bestimmte mich aber nun es wenigstens zu versuchen, wenn es mir jedoch mehr Ehre bringt, neben einem bekannten Sänger einen Platz gut auszufüllen, als allein neben unbedeutenden zu stehen, und ich lege Ihnen daher, durch meine Mutter von Ihren gütigen Gesinnungen für mich und überhaupt für junge Künstler, (wie mir schon der wackere Violinist Herr Naß hier bezeugt,) überzeugt, die Bitte vor, ob sie wohl die Güte haben wollten, mir im August dieses Jahres einige Gastrollen bey Ihrem Theater zu verschaffen, oder mich gütigst zu belehren, wenn ich mich dann noch direct an den Herrn Generaldirector wenden muß.
Zu meiner Empfehlung kann ich weiter nichts thun, als Ihnen versichern, daß ich noch jung voll Lust und Sinn für die wahre göttliche Musik, und auch wohl nicht ohne Talent bin, wenn ich doch meinen Platz als erster Tenor hier immer besser behaupte.
Ein Repertoire meiner bedeutendsten Rollen lege ich hier zur gütigen Auskunft bey, die mir besten Rollen habe ich zuerst geschrieben, und erwarte von Ew Wohlgeboren die gütige Bestimmung alles Näheren.
Mit tiefster wahrer Verehrung
Ew Wohlgeboren
ergebenster
Albert Wagner
Tenorist am hiesigen Theater
| Autor(en): |
Wagner, Albert |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Gerstäcker, Friedrich (Vater) Geyer, Johanna Spohr, Dorette |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Kassel> Stadttheater <Breslau> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1822061244 |
Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Wagner, 01.12.1823.
[1] Zur Bekanntschaft zwischen Dorette Spohr und Wagners Mutter Johanna Geyer vgl. Dorette Spohr an Louis Spohr, 22.02.1822.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.12.2024).