Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Meiningen, d. 2. Juny.

Lieber Herr Kapellmeister, 

Meinen innigen Dank für Ihren Brief, der mir den Freitag zum schönsten Festtage machte. – 
Wie gern wäre ich den 2ten Pfingsttag bey Ihnen in Cassel gewesen, wie gern hätte ich einmal wieder den Don Juan gehört! Meine Sehnsucht dahin war dießmal noch aus dem Grunde sehr stark, weil ein Fremder, welcher hier durchreiste, das Gerücht verbreitet hatte, Ihre Oper Faust werde an diesem Tage gegeben. – Aber doch darf ich keineswegs klagen, denn ich brachte beyde Festtage auf herzogliche Kosten in Liebenstein u. Altenstein zu, wo ich einiges wegen eines zu vergrößernden Orchesters anzuordnen hatte. Diese Gegend ist wirklich paradisisch, in solcher Vollendung kommt die Naturlich wirklich unserer romantischen Kunst fast gleich. Ich bewohne dort ein recht geräumiges Logis, dem Brunnen zunächst, und werde gewiß sehr angenehme Tage dort verleben. Den jungen Herrn Nohr, welcher ausgezeichnete Talente hat, aber in Hinsicht der Schule ganz vernachläßigt war, der aber ein so zartes Fassungsvermögen mit eigner Ueberlegung in sich vereint, daß ich ihm Alles nur kurz anzudeuten brauche, will ich mitnehmen nach Liebenstein; ich hoffe ihm freyes Logis u. freyen Tisch dafür zu verschaffen, daß er in der Oper die Violine mitspielt. –
Die Copialgebühren für den Rossinischen Barbier von Sevilla1 garantirt die Kapelle, ich bitte Sie daher recht sehr die Partitur bald copiren zu laßen u. danke Ihnen für Ihre Güte. –
Heute Abend ist noch Hofkonzert, und unter manchem Schönen wird Ihre Ouverture zum Faust als höchste Schönheit glänzen; den Anfang des Thema’s höre ich fast den ganzen lieben Tag von dem jungen Prell mit seiner sich brechenden Stimme singen, in seinen Gesang mische ich bisweilen unwillkührlich2 den meinen, Sie können sich nicht denken welchen auffallenden Effekt diese Mischung hervorbringt. 
Wie die Nachricht von dem Tode des Herzogs von Gotha hier ankam3, war die ganze Kapelle u. besonders ich in großer Freude, denn ich dachte schon eine Wohnung für mich in Gotha miethen zu müßen; aufgeschoben ist nicht aufgehoben; dem kranken Herzog Friedrich traue ich nicht viele Frühlinge mehr zu4; dann wird unsre Kapelle auch stärben5 und der Wirkungskreis d[es]6 Herzogs bedeutungslos. – Bärwolf will mich in 14 T[agen] besuchen; Wilhelm kommt Anfang July nach Liebe[nstein], wie freue ich mich einmal wieder jemand von meiner Familie zu sehn, ich möchte nur er überraschte mich – wie damal[s] in Alexisbade – mit meiner Mutter! – –
Jetzt sage ich Ihnen ein herzliches Adieu u. begrüße Ihre Frau u. Kinder so wie noch Hauptmann u. Ihren Bruder Ferdinand. –

Mit größter Hochachtung und innigster Liebe 
Ihr
EduardG.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Eduard Grund an Spohr, 25.05.1822. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Grund an Spohr, 16.06.1822.

[1] „von Sevilla“ über der Zeile eingefügt.

[2] Sic!

[3] Herzog August starb am 17.05.1822.

[4] Mit dem Tod von Friedrich IV. am 11.02.1825 starb das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg aus.

[5] Sic!

[6] Textverlust durch Siegelausriss.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.07.2026).