Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Düsseldorf den 1sten Juny 1822. 

Hochgeehrter Herr Kapellmeister! 

Längst hatte ich mir es vorgenommen, Ihnen wegen der Anstellung als Kapellmeister zu gratuliren! Auch wollte ich bei dieser Gelegenheit meinen Dank für das herrliche Geschenk an Tage legen, welches Sie in Ihrem Azor allen denen Sänger gemacht, die Gefühl, und Kenntniße besitzen in Ihren großen Geist einzudringen; die der Verführung des Belzebub, genannt Rossini wiederstanden, damahls gerade des Gesangs treu geblieben, die aber durch von der Natur, durch eine umfangreiche Stimme begünstigt sind. Dieses alles wollte ich Ihnen sagen, aber die Furcht misverstanden zu werden, hielt mich davon zurück, und ich wäre vielleicht mein Dankgefühl für immer unterdrückt haben, fände ich es nicht an der Zeit, jetzt wo man sich von mehreren Orten ser1 Mühe giebt, Ihr herrliches Werk die Zemire und Azor zu betreiben, Ihnen über die Aufnahme in Holland eine kleine Auskunft zu geben. So wissen Sie denn, daß diese Oper in Amsterdam auf der deutschen Bühne in der Zeit von anderhalb Jahren über Vierzig Vorstellungen erlebt, mehrentheils bei vollem Hause, daß es die Lieblingsoper der Holländer ist! und daß jede Wiederholung, so wohl von Seiten der Künstler, als des Publikums wie ein Fest betrachtet wurde. Selbst die französischen Sänger versäumten keine Aufführung, und betrübten sich sehr, die alte Greteryische2 Musik singen zu müßen, während wir Ihre herrliche Komposition hatten. Das Letztere möchte ich denen Kritikern in die Ohren schreyen, die es so verwegen finden, ein von Gretry komponirtes Sujet, eine neue Musik zu geben. Ueberhaupt scheint es mir, als wenn der Musikgeschmack in Deutschland jetzt in Fraktionen eingetheilt wäre, nähmlich in Ultras und Jacobiner, Zu den Ersteren scheint die Münchner Anzentet(???)3 zu gehören! zu der Zweiten Sorte gehören die Wiener Rossinisten, wo bleiben die Liberalen? Haben die keine Stimme mehr? oder sind diese nur durch Spott, lach, Jagd, und Brautjungfernchöre in Bewegung zu setzen? – –
Seit meiner dreyjährigen Abwesenheit aus Deutschland hat der Geschmack in der Musik eine falsche Richtung genommen, daß ich bei meinem Eintritt daher(?) meinen Ohren nicht mehr traue. Hier in Düsseldorff wo ich mich seit einigen Wochen aufhalte habe ich das Niederrheinische Musikfest beigewohnt, welches den 26 und 27ten May stattgefunden. Den ersten Tag gab man „die Befreyung von Jerusalem“ von Abbé Stadler! und wahrlich das ganze Publikum sehnte sich nach der Befreyung von diesem Jerusalem. Am zweyten Tage hörte ich eine Hymne und Kampf und Sieg, beydes von dem jezt in die Sterne versetzten Maestro der Spott, Lach, Jagd, und Jungfernbrautchöre. Die Hymne ging da, obgleich das Thema4 der Fuge aus dem Halleluja der Schöpfung von Haydn entlehnt,5 und die Stimmführung so hollperig wie eine schlechte Landstraße ist. In Kampf und Sieg hatt es manches gute, vorzüglich ist der Kampf geglückt, aber der Sieg scheint mir unendschieden6 – inzwischen thaten die Trommeln und Pfeiffen das Ihrige, und es gefiel so ziemlich ziemlich. Einige Jacobiner wünschten dagegen, er möchte sein Werk umarbeiten, die darin befindliche Fuge wegstreichen, und dafür das Thema aus Lützows wilder Jagd zur Fuge nehmen, sie machten auf der Stelle der Versuch, und fanden, daß es einen herrlichen Efekt machen würde. (Beyliegend nehme ich mir die Freyheit eine Kopie mit zu senden.)7 Nun frage ich Sie, sind das Werk, die es verdienen, in solchem Feste ausgeführt zu werden? warum giebt man keine classischen Werke? und nun erlauben Sie mir noch eine Frage. „warum haben Sie Ihr jüngstes Gericht (welches mir das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft in Leipzig8 verschaffte) der Welt entzogen, und noch nicht drucken lasssen? Die Ultras haben Sie da nicht zu fürchten, der Teufel komt ja darinn vor. 
Indem ich Sie nun noch ersuche, diese Zeilen9 nicht anders zu deuten, als daß sie aus wahrer Verehrung ihres großen Talentes geschrieben, bin ich so frey den Ueberbringer10, der Ihnen schon bekannt ist, Ihrer Protektion zu empfehlen. Vielleicht bin ich so glücklich, Sie auf weiteren Kunstreisen zu finden, dann hoffe ich, Ihnen mündlich und persönlich die Empfindungen der ausgezeichnetsten Verehrung bezeigen zu können, mit der ich bis in den Tod(?) wünsche

Ihr
ergebener 
Julius Miller



Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Miller an Spohr, 08.02.1823. 

[1] Sic!

[2] Sic!

[3] Möglicherweise originelle Schreibung für: „Anciennetät, (spr. angsi-) oder -té, fr. die Dienst- oder Alterfolge, das Dienstalter“ (Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter, entstellenden fremden Ausdrücke zu deren Verstehen und Vermeiden, hrsg. v. Friedrich Erdmann Petri, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 28)?

[4] „das Thema“ über der Zeile eingefügt.

[5] Hier zwei Buchstaben gestrichen.

[6] Sic!

[7] Liegt dem Brief bei.

[8] Vgl. „Leipzig“, in: Morgenblatt für gebildete Stände (1812), S. 1192.

[9] „Zeilen“ über gestrichenem „Schreiben“ eingefügt.

[10] Noch nicht ermittelt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.09.2026).