Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Lieber Freund,
Leider wurde mir das Vergnügen nicht zu Theil Sie bei Ihrer Durchreise zu sprechen woran der Weisse Schuld war welcher wie ein Dieb in der Nacht auf alle durchreisende Künstler lauert u sie einem vor der Nase wegschnapt. Ich hätte gern manches mit Ihnen besprochen um Ihnen nicht durch Briefe schreiben die kostbare Zeit zu rauben woran Sie sicherlich keinen Ueberfluß haben, indessen da es sich nicht fügte mußte ich dich die Feder ergreifen
Pro primo: Wie steht es mit der Violine?1
Pro secondo: Wo bleibt den die mir versprochene Concert u Solo Quartett Stimme?
Pro terzio: Höre ich daß Sie mit Ihrer Kapelle mehrere Reformen vornehmen, können Sie nicht ein sehr gutes Violin Orchestermitglied gebrauchen welches ich Ihren zwar nicht in meiner, aber in der Person eines hiesigen jungen Mannes von circa 26 bis 28 Jahren vorschlagen dürfte?
Selbiger junger Mann heißt Gaerich ist seit 6 Jahren Vorspieler einer hiesigen Musikgesellschaft glüht von Enthusiasmuß für die Kunst u wünschte gerne den Joch der Tanz u Gartenmusik abzuschütteln um bei einem ruhigerem Leben sich mehr für die Kunst auszubilden, ich habe selbigem seit einem halben Jahr einigen Unterricht ertheilt u auch Anlage zum Solo Spiel entdeckt; könnten Sie selbigen anstellen so würden Sie mich sehr verbinden. Neben bei besitzt Selbiger auch harmonische Kentniße, hat früher studiert u ist übrigens ein guter, bescheidener u anspruchsloser Mann. Könnte ich ihm hier ein erträgliches Loos verschaffen würde ich ihn gerne hier behalten; allein eine fürstliche Kapelle ist doch etwas anderes als ein republicanisches Orchester also bitte! bitte!
Pro quarto: Hat ein hiesiger abgehender nicht bedeutender Schauspieler Müller mit seiner Gattin erfahren daß sein, nehmlich Sie u ich Freunde wären u mich ersucht ihm einen Empfehlungs Brief an Sie zu geben worinn ich ihnen die mittelmäßigen Talente seine Frau als mezzo Sopransängerin empfehlen möchte2; Könnten Sie einen Versuch machen so würden Sie Sich von deren Brauchbarkeit bald überzeigen, manchmal sind diese Art Leuthen beim einem Theater der Aushülfe wegen nicht zu verachten. H. Müller wird jedoch desshalbs3 noch selbst an Sie schreiben u sich auf mich beziehen.4 Ich schließe diesen etwas sächlich gewandenen Brief mit dem heißesten Wünsche Ihr u Ihrer lieben Familie Wohlergehen u bitte mich allen Freuden u Bekanten z.B. H. Wiele, den primo amrio Loewe recht freundlichst zu empfehlen.
HAMatthaei
P.S. Im Verlaufe dieses Winters haben wir nicht allein Ihr leztes Quartett sondern auch Ihr herrliches G dur Quintett in unserer Quartett Unterhaltung mit allgemeinen Beifall executirt, auch haben einige Scenen aus Ihrem Faust dem Konzert Publikum einen großen Gemuß gewährt. - Viele Empfehlungen von allen Ihren Freunden u Verehrern.
| Autor(en): |
Matthaei, Heinrich August |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Gährich, Wenzel Müller (Sängerin in Leipzig) Müller (Schauspieler in Leipzig) Weiße, Carl |
| Erwähnte Kompositionen: |
Spohr, Louis : Quintette, Vl 1 2 Va 1 2 Vc, op. 33.2 |
| Erwähnte Orte: |
Leipzig |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Kassel> Stadttheater <Leipzig> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1822040343 |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Matthaei an Spohr, 09.07.1822.
[1] Nachdem Spohr 1821 eine Stradivari erworben hatte (vgl. Spohr an Wilhelm Speyer, 26.08.1821), verkaufte er 1822 seine Lupot-Geige an Matthaei (vgl. Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 221; Text mit fehlerhafter Paginierung auch online).
[2] Zur einer ähnlichen Einschätzung der Fähigkeiten des Ehepaars Müller kommt „Leipzig, im Anfang Juli“, in: Morgenblatt für gebildete Stände (1820), S. 744.
[3] Sic!
[4] Derzeit ist kein Brief von Müller an Spohr bekannt.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Veronica Espa (29.01.2025).