Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Gehe:1

Herrn Capellmeister
Spohr Wohlgeb.


Dresden den 23sten Januar
1822

Verehrter Herr Kapellmeister,

Meinem Versprechen gemäß, sende ich Ihnen den 1sten Akt der Oper. Möchte er, so wie die zwey andern Akte, welche nächstens folgen werden, Ihren Wünschen entsprechen! Ich beendige die Oper auf jeden Fall vor der Reise nach Berlin, indem die dortige Aufführung meines Trauerspiels Anna Boleyn um etwas verschoben worden ist wegen eines Unfalls des Grafen Brühl. (Scheugewordene Pferde warfen seinen Wagen um und er brach das Schlüsselbein.) Ein dunkles Gefühl sagt mir, daß die erste Scene zwischen Jessonda und Nadori, so wie ich sie angelegt, reich an musikalischem Effekt seyn könne, und es wird mir als Layen angenehm seyn, darüber die Stimme des Kenners zu vernehmen. Jessonda’s Schwester bleibt still und schweigt bis zu der Entfernung des Geliebten, wo plötzlich der glühende Lebens Trieb auch in ihr Herz bricht. Indem ich noch ein Scenarium für die zwey andern Akte beylege, wende ich mich vertrauend mit folgender Bitte an Sie. Da im October und November 1821 ein Stück von mir Peter der Große und Alexis wiederholt zu Cassel gegeben und freundlich aufgenommen worden ist, so sehe ich die durch einen Brief der Direction bestätigte Hoffnung, daß auch mein Trauerspiel Anna Boleyn, welches in Dresden für den Februar angesetzt ist, bald in Cassel werde gegeben werden. In demselben wird nicht nur ein Lied von einer Tenorstimme gesungen sondern besonders das Vorspiel muß durch Musik gehoben werden. Ich hätte in dieser Hinsicht wohl einen Wunsch, doch wage ich ihn nicht auszusprechen und bitte nur, daß Sie im Fall der Aufführung wegen sorgfältiger Auswahl der Tonstücke bey der Direction ein Fürwort einlegen mögen. Vielleicht sänge Gerstäcker, den ich herzlich grüsse, aus Freundschaft für mich jenes Lied, da er nach der Anlage des Stücks überhaupt nur in jener Scene aufzutreten braucht.
Mit besonderer Hochachtung und Liebe

Ihr
ergebenster
EH Gehe

Autor(en): Gehe, Eduard
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Brühl, Karl Moritz von
Gerstäcker, Friedrich (Vater)
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Königliche Schauspiele <Berlin>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1822012346

Spohr



Spohr beantwortete diesen Brief vermutlich am 07.02.1822.
Dieser Brief lag einem derzeit verschollenen Brief von Dorette Spohr an Louis Spohr bei.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.02.2025).