Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Inhaltsangabe 1: Folker Göthel in: Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 368, Anm. 7
Inhaltsangabe 2: Susan Owen-Leinert und Michael Leinert, „Vorwort. Sechs Deutsche Lieder op. 41“, in: Louis Spohr, Lied Edition, Bd. 2, Köln 2010, S. 5-9, hier S. 8
Carolath am 20. September 1815.
Mein theurer, geliebter Freund!
Einen so angenehmen, als interessanten Brief, als der Ihrige war, werden Sie von einem philistrirenden, und wahrhaft mönchischen Musensohn nicht aus meiner Hand, und meinen Liedern erwarten; da sich jedoch in jedem Ihrer Worte eine Liebe zu mir und den unsrigen ausspricht, so wird meine gleiche Gesinnung eine Stellvertreterin der Unterhaltung seyn, die man von einem Briefe fodert. Fürs erste also meine herzliche Freude über Ihre glückliche Ankunft bey denen, die Ihnen theuer sind; mit lebhaften Farben habe ich mir die Augenblicke ausgemahlt, wo das treue Vaterherz Sie an seine Brust drückte, und wenn sich in die Empfindung, welche ich dabey hatte1 etwas Neid mischte, so war es nur derjenige, wo man unzufrieden ist, nicht als nicht als Theilhaber einer solchen Szene in einem Gebüsch zu gegen seyn zu können. Und in der That, nicht blos an jenem Tage, sondern noch öfter wünschte ich bei Ihnen zu seyn; Ihre liebe Gesellschaft habe ich, besonders die erste Woche, so wie wir alle, recht schwerlich vermißt, vielleicht führt das Schicksal an seinem verworrenen Bande uns wieder einmal zusammen. Sehr bekümmert waren wir wegen Ihrer Reise, zumal da Ihr Stillschweigen die Besorgniß vermehrte. Wann und wie lange werden Sie bey den Ihrigen weilen, ehe Sie das Land aufsuchen, wo die Orangen glühen, die bey uns so gelb werden, daß der Gärtner Flora eine ausgemallte2 Quitte im Blumenhause hat anweisen müssen? Ich hoffe gewiß noch von deutschem Boden aus einen Brief von Ihnen zu erhalten, und Ihren Reiseplan darin vorgezeichnet zu finden, so wie ich mir auch eine Behandlung von dem zu haltenden Musikfeste in Frankenhause erbitte, von dem mir die Fürstin erzählt hat, daß es noch vor sich gehen werde. Mit wahrer Andacht singe ich dabey: „Wenn ich ein Vöglein wär, flög ich zum Feste hin“, welches Lied ohnehin durch alle im Schloss befindlichen Seelen so gequält wird; daß ich erst ein Vöglein seyn möchte, um davon zu fliegen, wenn sie es singen.
Ueberhaupt haben Sie, mein theurer Freund hier einen solchen Schaden angerichtet, daß ich und mancher, Kreislers musical. Leiden dramatisch aufführn; denn alles singt, (oder sang vielmehr, den jezt hat es etwas nachgelassen) pfeift, krazt, und keilt auf dem armen Clavier herum, daß ich mich manchmal vor Angst kaum zu lassen weiß. Im übrigen höre ich doch auch noch manches Erträgliche. Dorchen3, welche ihre liebe Lehrerin herzlich grüßt, vervollkommnet sich recht sehr auf der Harfe, und ich freue mich jedes mal, wenn das liebe Mädchen spielt. Sie hat von allen noch den meisten musical. Sinn (als welchen ich allein beurtheilen kann!); die andern disputiren und streiten mit mir ganz wüthend, seitdem ich Sie als meine Stütze verloren habe, üb. manche Lieder etc. die ich nun einmal nicht hübsch finden kann. Ich höre, daß Ihre Lieder in Leipzig herauskommen sollen; darf man wohl auf Ein Exemplar rechnen, da meine Hände zum Notenabschreiben zu faul sind? Hier sind Sie endl. von der Fürstin u. Dorchen u. Bianca eingeübt, und (nur mit falschen Tempo) meinem Ohr nach glücklich gesungen worden. Mignons Klage findet seit einiger Zeit (aus leicht zu erklärenden Ursachen!) an den Damen wahre Bewundherrinnen4 (wenn man diese Umbiegung ganz der Frauennatur entgegen, machen darf.)
Viele Gesellschaft haben wir seit Ihrer Abreise, bey uns gesehn, besonders die durch den Prinzen Paul von Würtbg. welche fast beständig hier lag, und die Bekanntschaft mit mehreren Offizieren vom 17. Aug. fortan pp veranlasst wurden5. Am 6. Septbr. sollte ein großer Ball zum Jahrestage der Schlacht von Dennewitz6 bey uns statt haben, welcher aber, durch den plötzlichen Abmarsch des Regiments am 4. d. M.7 nach Preuß. Minden die Tänzer vertrieb u. also vereitelt wurde. Unsre beiden Offiziere, mit welchen wir uns recht gut eingerichtet hatten, verließen mit thränenden Auge das Schloß. Reibnitz8 war auch bei uns, wenn ihn nicht irgend eine alte Bekanntschaft abrief, projectirte eine fehlgeschlagene9 Reise nach Paris, und ist seit 14 Tagen in Glogau. Sein10 Bruder, welcher Präsident in Liegnitz geworden, besuchte uns; er hat mir aber nicht eben gefallen. Neue interessante Menschen haben sich nicht eingefunden; der Baron Oertel, welcher bis 29. Fbr. hierbleibt, ist ein herrlicher Mensch in aller Art, und macht mir die viele Gesellschaft der Martissöhne11 hinlänglich entbehrlich. Alles übrige lebt und bewegt sich im alten Gleise; der Fürst ist gesund, die Fürstin eine herliche Hausfrau, die Kinder artig, die Tante aufmerksam, die Mamsell still, ich unruhig, und – der Mops traurig wegen seines Freundes Apollo. Früh ist nach wie vor alles beschäftigt; die Nachmittage aber haben wir, wenn schöne Tage waren, zu Spaziergängen benutzt, und da ich niemanden hatte, der so weit mit mir gegangen wäre, als Sie, so musste ich Theil nehmen an dem allgemeinen Schleichen. Die Reihen wurden alsdann auch nicht vergessen, und die Räthsel fanden sich von selbst, denn auch sie leben noch, scheinen aber mit der winterlichen Jahreszeit ihr Laub zu verlieren. Einige Male sind wir12 vom Lande aufs Land gefahren, und auch einer Jagd habe ich beigewohnt, mich aber schreckl. gelangweilt. –
Ich selbst lebe in meinem alten Berufe auch noch fort; sehr wehe that mir Malchen Kesslers Abwesenheit, welche in Berlin ist, und unter andern dort Singstunden genommen hat; ich hatte doch mit dem Mädchen manchmal einen Spaß, u. freue mich gar sehr auf ihre Rückkehr. In meinen Studien beschäftigt mich jetzt die Theologie eifrig, u. meine alte vertrippelte13 Muse dreht auf ein Bändchen geistliche Lieder, welche auf Ostern fertig seyn, u. meinen ersten Ausflug in die gelehrte Republik bilden sollen. In der eleganten Zeitung14 u. den thüring. Erholungen15 werden Sie vielleicht etwas lesen, woran nur leider mein nahes Wohnen am Wasser u. im Sande (nass u trocken zugleich) zu sichtbar ist. – – für heute leben Sie herzlich wohl, u. erwidern Sie die Grüße von allen hiesigen, durch herzliche Empfehlungen an Ihre theure Gemahlin, u. lieben Kinder.
Ewig der Ihrige Moritz Kartscher
Meine Nachlässigkeit in Absicht des Formellen dieses Briefes entschuldigt Ihre Nachsicht gewiß! – Von der Armee hat der Fürst, (welcher mir speziell aufgetragen hat, Sie zu grüßen, u. Ihnen zu versichern, daß er mit steter Liebe und Achtung Ihr Bewunderer bleiben wird) gestern Briefe: sein ältester Sohn wird nebst Pr. Friedrich bald hier eintreffen. Alles freut sich schon auf die lieben Angehörigen. – Was treiben Sie denn für jetzt in musik. Hinsicht? Was machen Ihre guten Kinder? lernen sie fleißig? Ich werde in meinem nächsten Briefe eine Zeile an Ida u. Emilie einlegen.
Richtsteig, der geheirathet hat, grüßt Sie, u. auch der Präsident, welchen ich neulich bei einem großen Diner abermals zu seiner Erzählung vom Syntax, u. Disputiren gezwungen habe.
Das Schach16 habe ich mit Whist17 vertauscht; da niemand mit mir fertig wird, seitdem Sie weg sind; Abends wird bey Seliger gewöhnl. ein Whist die Woche gemacht; und ehemals mit Paulen v. Wtbg Onze & demi18 gespielt, wobey er fürchterl. aufschnitt. – Beifolgend ein Brief, welchen ich Ihnen früher geschickt haben würde, wenn ich gewußt hätte wo er Sie fände. – In der allg. Zeitung ist Edur, statt C. blos verdruckt; die Reihenfolge der Musikstücke habe ich mit Fleiß geändert.
Als ich neulich mit Musik gequält wurde, machte ich in Ihrem Nahmen folgenden Zusatz zu: Vanitas veritatem vanitas. „Meine Sach hatt’ ich auf Musik gestellt, juche: Wie ward mir diese Lust vergällt! o Weh. Kaum hat ich ein hübsches Lied erdacht, so habens die Leut’19, zunicht gemacht, gequälet Tag und Nacht!“ Und damit für heut gute Nacht.
M.K. um 11 ½ Uhr ab.
| Autor(en): |
Kartscher, Moritz |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Blanka Schoenaich-Carolath, Prinzessin Caroline Schoenaich-Carolath, Fürstin Dorothea Reuss-Schleiz-Köstritz, Fürstin Friedrich Carolath, Prinz Kessler, Malchen Oertel (Baron) Paul Württemberg, Prinz Reibnitz, Ludwig von Richtsteig (Carolath) Seliger (Carolath) Wolff, Ida Zahn, Emilie |
| Erwähnte Kompositionen: |
Spohr, Louis : Lieder, Sst Kl, op. 37 |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1815092046 |
Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Kartscher.
Zu Spohrs Bekanntschaft mit Kartscher in Carolath vgl. die knappe Bemerkung: „Der Fürst, ein etwas zeremoniöser, aber freundlicher und wohlwollender Mann von etwa achtundfünfzig bis sechzig Jahren, empfing uns am Eingange des Speisesaales und stellte uns den übrigen Tischgenossen vor. Es waren die Fürstin, seine zweite Gemahlin, deren Schwester, eine für Musik und Poesie schwärmende Dame, seine beiden Töchter zweiter Ehe, liebenswürdige Mädchen von 15 und 17 Jahren, und deren Hofmeister, Herr Kartscher, ein feingebildeter junger Mann. Die Unterhaltung bei Tische war, die etwas altertümliche Förmlichkeit des Fürsten abgerechnet, zwanglos und lebhaft und zeigte mir, daß ich mich in einem gebildeten und für alles Schöne empfänglichen Zirkel befand“ (Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 1, S. 194, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online).
[1] „hatte“ über der Zeile eingefügt.
[2] Sic!
[3] Prinzessin Dorothea von Carolath.
[4] Sic!
[5] „wurden“ über der Zeile eingefügt.
[6] Am 06.07.1813 besiegten preußische, russische und schwedische Truppen französische und sächsische Einheiten bei Dennewitz.
[7] „4. d. M.“ über der Zeile eingefügt.
[8] Ludwig von Reibnitz.
[9] „fehlgeschlagene“ über der Zeile eingefügt.
[10] Hier zwei oder drei Buchstaben gestrichen.
[11] „Martissohn“ = Sohn des Kriegsgotts Mars, also Soldat.
[12] Hier gestrichen: „aufs“.
[13] Fachbegriff aus dem Schach.
[14] Vgl. Moritz Kartscher, „Das Whist“, in: Elegante Zeitung (1815), Sp. 1959.
[15] Noch nicht ermittelt.
[16] Zu Spohr als Schachspieler vgl. Selbstbiographie, Bd. 1, S. 123, Text mit fehlerhafter Paginierung auch online.
[17] Zu Spohr als Whistspieler vgl. Herman Wichmann, Frohes und Ernstes aus meinem Leben, Leipzig 1898, S. 129.
[18] „Onze et demi / Wird ganz wie Vingt un gespielt, ausgenommen, daß der Banquier nicht 2 Karten, sondern nur eine Karte unaufgedeckt herumgiebt, und die Figuren demi oder halb bedeuten“ (Das neue Königliche l’Hombrespiel nebst einer gründlichen Anweisung, wie Piquet, Reversy, Tresett, Tarok, Casino, Connectionen, Whist, Boston, Alliance, Patience, Kabale, Bouillette, Jeu de Commerce, Pharao, Rapouse, Vingt un, Vive l’amour, Mariage, schwarzer Peter, Poch, Onze, Onze et demi, Drei Karten, Loup oder Wolf, Bester Bube, Ecarté […], Lüneburg 181845, S. 202).
[19] „so habens die Leut’“ über gestrichenem „wird es gleich“ eingefügt.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.04.2026).