Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Wohlgeboren
Herrn Generalmusikdirektor Dr. L. Spohr
in
Cassel.

als Einlage.


Strasburg den 10 Juli. 1852.

Hochgeehrtester Herr Capellmeister!

Sie haben wohl nicht geahnt, daß, als Sie eine der eingeschickten Compositionen des Textes „Muttersprache“ als die beste unter ihnen anerkannten, es ein ehemaliger Schüler in der Composition von Ihnen war, der diese Arbeit geliefert hatte.1 Indem Sie meinen Namen unter diese Zeilen lesen, werden Sie sich vielleicht kaum noch meiner erinnern, indem sich Ihre rastlose Thätigkeit auf so viele erstreckt, daß Sie gewiß deren Namen nicht alle im Gedächtniß aufbewahren können. Mit desto wärmerer Liebe aber hängen alle an ihrem großen Meister. die Gelegenheit hatten, in seiner Nähe die edle Kunst zu treiben und aus seinem Munde die unvergeßlichen Belohnung zu vernehmen.
Als ich im Jahre 1844 von Cassel schied, stellten Sie mir auf meine Bitte, ein Zeugniß aus, in welchem Sie die Hoffnung aussprachen, daß der junge Künstler bei seinem Eifer und bei seiner Begeisterung für Kunst noch recht Bedeutendes schreiben werde. – Wenn ich auch durch die gekrönte Composition gerade nichts Bedeutendes geliefert habe, so glaube ich doch durch dieselbe ein Streben Bessern und Edlen bekundet zu haben. Ich spreche es mit großem Vergnügen aus, daß Sie allein es waren, der mich durch Aufmunterung und Belehrung zu dieser Stufe gebracht hat, so daß2 es Ihnern nicht zu Unehre gereicht, damals einen solchen Ausspruch gethan zu haben. Befürchtete ich nicht, Sie zu belästigen,, und Ihnen, die so sehr in Anspruch genommene Zeit zu rauben, so möchte ich Ihnen gern andere Beweise, durch größere Orchesterwerke etc. geben, daß ich stets das Vorbild meines großen Meisters im Auge behalten habe.
Nach so langer Zeit und fern von dem mir so theuren Cassel, denke ich noch gern an die heitern Stunden zurück, die ich mit Ihnen im Bade verlebte. Wissen Sie noch, daß ich sogar Unterricht im Schwimmen bei Ihnen erhalten habe? Ich bin gewiß der Einzige, der sich wähnen kann, ein Schwimm-Schüler von Ihnen zu sein. Gedenken Sie auch die Worte, die Sie mir einmal im Wasser zuriefen?: „Wenn’s mal mit dem Contrapunkt so gut geht, wie mit dem Schwimmen, dann werden Sie zufrieden sein!“ Kurz, ich kann Sie versichern, daß ich seit dieser Zeit mehr Fortschritte im Contrapunkt als im Schwimmen gemacht habe. – Verzeihen Sie mir, daß ich schwaze; aber an kleinen Begebenheiten knüpfen sich oft große Erinnerungen.
Hier in Straßburg, wo ich jetzt beinahe 2 Jahre lebe, vermisse ich sehr den rechten Sinn und Geschmack in der Kunst. Freilich – Sie wissen es wohl – in Deutschland geht dieser Sinn auch3 immer mehr und mehr zu Grabe, und ich war manchmal bös, wenn ich die Menschen kalt sah bei guter Musik. Aber hier fühlt man erst recht, wie coh in unserm lieben Vaterlande Alles ganz anders ist, und wie man sich recht versündigt, wenn man das deutsche Volk in dieser Beziehung schwächt. Sie brauchen doch nicht, wie ich hier, das Schrecklichste der Schrecken anhören: eine französische Romanze. Und wenn Sie erst in einer soirée musicale (!) 10 bis 12 Stück von diesen abgeschmackten und süßlichen Zuckergebäcks verschlucken müßten, wie würden Sie da nach Ihrem Hut und Stab greifen und das Ferne suchen. Ja, und hier in Straßbucrg ist es noch gülden gegen das Innere Frankreichs. Hier ist noch theilweis deutsches Element übrig geblieben, wenn auch in sehr kleinen Dosen. Doch findet man noch, und hauptsächlich in den potestantischen Familien, Sinn für die gute deutsche Opern, Oratorien- und Kammermusik, und unser Alt-Meister Spohr ist sehr in der Gunst dieses Publikums, wozu auch ich nach Kräften bezutragen suche, was später in noch größerem Maßstabe geschehen soll, wenn sich mein Wirkungskreis mehr und mehr erweitert und mein Einfluß auf die hies. Musikzustände wächst.
Darin besteht der einzige Dank, den ich Ihnen für Ihre mir so uneigennützig geleisteten Dienste beweisen kann, daß ich Ihre Werke, an denen ich mit glühender Liebe hänge, so viel wie möglich zu verbreiten suche.
Es würde mich außerordentlich freuen, lieber Herr Capellmeister, wenn Sie mir einige Augenblicke widmen wollten, um mir zu schreiben, daß Sie sowohl, wie Ihre werthe Frau Gemahlin noch in vollem Genusse Ihrer Gesundheit sind. Auch möchte ich noch Ihr spezielles Urtheil über mein Quartett hören; denn wenn Sie es auch als das beste unter den 31 eingesandten ausgewählt haben, so kann es doch noch hie und da Schwäc[hen] haben, die ich gern durch Sie kennen lernen möchte. Soba[ld] es bei Schott in Mainz erschienen sein wird, werde ich mi[r] das Vergnügen machen, Ihnen ein Exemplar zuzuschicken.
Lassen Sie mich doch auch wissen, ob Sie die Original-Partitur von Ihren „Letzten Dingen“ wieder erhalten haben, über deren Spur ich Ihnen vor einigen Jahren von Coblenz aus Nachricht gab.4
Nun leben Sie wohl, werther hochgeschätzter Meister! Gott erhalte Sie noch lange Ihren Schülern Ihrer Famili[e] und der K[uns]t, deren treuester und erhabenster Diener [Sie] sind! Noch einmal5 meinen Dank für Alles, was ich Ihnen schulde und für die Anerkennung die Sie meinem letzten kleinen Werke haben zu Theil werden lassen!
Es grüßt Sie mit der aufrichtigsten Liebe und Hochachtung

Ihr
ergebener
Louis Liebe
Direktor der philharmonischen Gesellschaft

P.S.
Gestern bekam ich die Nachricht, daß mir wieder ein Preis zu Theil geworden ist für 5 Kirchengesangs-Compositionen im Palestrinaschen und im wahren Kirchenstyl und für eine Orgel-Fuge über das erste Motif auf der Pastoral-Symphonie von Beethoven. Dieses Preisausschreiben ging von Nancy aus; ein Abbé, Namens Tomadini in Cividale (Staat Friaul-It[alien]) hat mir einen gleichen Preis erhalten.6 Derselbe besteht in einer Medaille und einem Werk von einem der besten Meister.

Autor(en): Liebe, Louis
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Tomadini, Jacopo
Erwähnte Kompositionen: Liebe, Louis : Fugen, Org
Liebe, Louis : Motetten
Liebe, Louis : Quartette, Vl 1 2 Va Vc
Erwähnte Orte: Kassel
Straßburg
Erwähnte Institutionen: Société de musique religieuse <Nancy>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1852071040

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Liebe an Spohr, 10.01.1846. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Liebe an Spohr, 28.10.1852.

[1] Vgl. „Mannheim“, in: Süddeutsche Musik-Zeitung 1 (1852), S. 12.

[2] Hier gestrichen: „ich“.

[3] Hier gestrichen: „so(?)“.

[4] Vgl. Liebe an Spohr, 05.03.1844.

[5] Hier gestrichen: „mal“.

[6] Vgl. „[La Société de musique religieuse]“, in: L’Ami de la religion 167 (1852), S. 175.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (07.09.2021).