Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Euer Hochgebohren
Herr Doctor!

Ein immerwährend innerer Drang läßt mich nicht ruhen mir die Freiheit zu nehmen, und an Euer Hochgebohren Herr Doctor eine grosse Bitte zu richten.
Indem mein einziges Streben ist, nur in der erhabenen Kunst immer weiter zu kommen, und ich für nichts anderes lebe als für jene, so wage ich es Herr Doctor Ihnen meine Compositionen zu senden, um das Glück zu haben Ihr gros. künstlerisches Urtheil darüber zu hren, und da ich jetzt mehrere fertig habe, so bitte ich, mir die außerodentliche Ehre zu erweisen, und die Dedikation einer Fantasie (über Melodien aus Jessonda) von mir gütigst anzunehmen1, gestatten Herr Doctor mir diese Ehre so wird es eine meiner schönsten Lebensperioden sein.
Da ich in meinem Zimmer eine große Sammlung von den Litographien der Tonkünstler besitze nämlich neun und neunzig an der Zahl, und obwohl das Bild des Herrn Doctor sich auch darunter befindet, so wage ich noch diese Bitte zu verlangen (weil mir von mehreren dieser Künstler die Auszeichnung zu Theil wurde und haben ihren Nahmen, und der Zueignung für mich selbst auf ihr Bild geschrieben), das Herr Doctor mich auch die Ehre erweisen wollen, und mir Ihr Bild sammt dero eigenem Unterschrift für mich zu senden, so auch auf das beiligende Albumplatt2 mir die Ehre zu erweisen und etwas zur Erinnerung darauf zu schreiben.3
Ich würde Euer Hochgebohren Herr Doctor es nicht gewagt haben, diese großen Bitten zu verlangen, und ich weiß nur zu gut daß ich selbst hätte kommen sollen, jedoch Herr Doctor wissen wohl ohnehin, das die Lage eines Musikers selten glänzend ist, doch Fräulein Louise Liebhart4 k. k. Hofopernsängerin meine Landtmannin und Freundin, hat mich angeifert5, und so wagte ich es und schrieb.
In der begleitenden Hoffnung das Herr Doctor mich mit einer Antwort beehre, und vielleicht es der Mühe werth finden, mir meine großen Bitten zu gewähren, so werde ich mit dem innigsten Ausdruck der größten Freude ausrufen, ich kann nie ganz unglücklich werden, der der grosse Spohr hat mein gedacht.
Ich verbleibe Euer Hochgeboren Herr Doctor mit vorzüglichester Hochachtung stets Ihr

Bewunderer
Fr. Jachimek
gb. zu Odenburg in Ungarn 1830.

(Kleinseite No 269 zu Prag
Böhmen.)

Autor(en): Jachimek, Franz
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Liebhardt, Luise
Erwähnte Kompositionen: Jachimek, Franz : Fantasien, Kl
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1856060145


Da es am 05.06.1856 zu einer persönlichen Begegnung zwischen Spohr und Jachimek kam (vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 05.06.1856), dürfte dieser Brief kurz vorher entstanden sein.

[1] Vgl. Constant von Wurzbach berichtet: „In Prag wurde J. mit Louis Spohr bekannt (1856), der ihm mit Rath und That beistand, und die Widmung einer seiner Phantasien annahm.“ Im Werkverzeichnis erwähnt er „Melodie dramatique (Spohr gewidmet)“ (Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Bd. 9, Wien 1863, S. 10), vermutlich eines von Jachimeks „14 verschiedene[n] Hefte[n] mit Clavierstücken“, die sich in Spohrs Nachlass befanden (Verzeichniss der hinterlassenen musikalischen Bibliothek von Louis Spohr, Kassel 1860, S. 9).

[2] Sic!

[3] Zum Albumblatt vgl. „München, 11. Sept.“, in: Neue Münchener Zeitung (1857), S. 883; Repertorium Alborum Amicorum.

[4] Liebhardt stammte wie Jachimek aus dem ungarischen Oedenburg und war 1850-1851 am Hoftheater in Kassel engagiert.

[5] Sic!

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.04.2023).