Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Königswinter d. 29ten Novbr.
1840.
Hochgeehrtester Herr Musikdirektor.
Es wäre wohl schon früher meine Pflicht gewesen Ihre Wohlgeboren meinen Sohn Friedrich Ihrer gütigen Fürsorge u. Leitung zu empfehlen. Da die aber gewiß schon durch seinen frühern Lehrer Herrn Hartmann geschehen ist, so wollte ich zuvörderst erst ein Schreiben von meinem Sohne abwarten, um die Ueberzeugung zu erlangen, daß Ihre Wohlgeborren ihn gewüridgt haben, unter die Zahl Ihrer Schüler aufzunehmen. – Eine große Freude war mir daher zu Theil, als ich vor einigen Tagen die frohe Nachricht von ihm erhielt, daß Ihre Wohlgeboren meinen Sohn so liebreich und väterlich aufgenommen, und vorläufig auch mit seinen musikalischen Leistungen zufrieden sind, welches besonders der bekümmerten Mutter einen großen Trost gewährte. Ich hoffe zu Gott, dem Regierer der Herzen, daß mein Sohn auch in jeder andern moralischen Beziehung sich dieser Ihrer hohen Gunst und Fürsorge würdig zu machen suchen wird. –
Von seiner Jugend ist zwar noch keine Charakterfestigkeit zu erwarten, doch glaube ich nicht, daß sein gutes Herz, obgleich für alle Eindrükke sehr empfänglich, sich leichtsinnigen Verführungen hingeben wird; denn sein Ehrgeiz für die Kunst, und der Gedanke die unschatzbare Gunst seines würdigen u. hohen Lehrers zu verlieren, wird solche Verirrungen nicht zu lassen. – Doch kein Vater kann für die in der Kindheit gepflegten Grundprincipien seiner Kinder1 mit Sicherheit Bürge sein, und so auch ich nicht für meinen Sohn in der Ferne.
Er kann in Verhältnisse u. Bekanntschaften gerathen; es konnen ihn Gefühle überwältigen, denen er ohne väterlichen Raths nicht Meister werden kann, und leicht könnte er alsdann bei seinem weichen Herzen auf Abwege gerathen, durch welche er seine ganze Zukunft verscherzen und mir als Familienvater von noch 6 unmündigen Kindern die tröstende Hoffnung rauben, daß er einst nicht die ahltende Stütze seiner 5 Brüder werden dürfte, welche doch berechtigt sind, dies von ihm zu erwarten.
Deshalb nehme ich mir die Freiheit Ew. Wohgeboren instandigst zu bitten, nicht allein ein sorgliches Auge auf die Ausübung seiner Kunst sondern auch eine väterliche Obhut auf seinen übrigen Lebenswandel obwalten zu lassen. – Wenn Ihr Wohlgeboren nur die Gewogenheit haben wollten ihn dann u wann über seine Umgangsverhältnisse zu fragen und ihn ermahnen, oder warnen wollten, wenn Sie es für nöthig erachten, so würden so wohl seine Mutter als auch ich schon um Vieles beruhigter sein und zeit Lebens würde wir uns als Ihrer Wohlgeboren verpflichtete u. dankbare Schuldner anerkennen, die wir jetzt schon in tiefster Hochachtung sind als dero Wohlgeboren
ergebenste Diener
Joseph Wenigmann
Kunigunde –
geborne Spindler
| Autor(en): |
Wenigmann, Joseph |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Hartmann, Franz Wenigmann, Fritz Wenigmann, Kunigunde |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840112940 |
[1] „er“ über gestrichenem „heit“ eingefügt.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.02.2022).