Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Wohlgeborner,
Hochgeehrter Herr Kapellmeister!

Gestern Abend wurde mir im Lesemuseum von einem Freunde die vertrauliche Mittheilung gemacht, daß im verehrlichen Cäcilienvereine die Rede davon gewesen sei, daß ich für meine Frau, welche Mitglied des Vereins, aber dermalen bei ihrer Familie in Mannheim ist, schon seit längerer Zeit die Zahlung der Beiträge v e r w e i g e r e, und der Einsammler jener Schulden dem Hrn. Kassirer Weinrich die Anzeige hiervon gemacht habe. Daß bei dieser Gelegenheit meiner nicht günstig gedacht wurde, läßt sich wohl erraten.
Da es aber ebensowenig meiner Frau eingefallen ist, aus dem Verein zu treten als mir, die Beiträge zu weigern, so kann ich wahrlich nicht von meinem Erstaunen zurückkommen: indeßen muß dieses Gefühl meinem gerechten Unwillen nun weichen, der sich gänzlich gegen die unerhörte Freiheit des Geschalfsdieners (Krauskopf, wenn ich nicht irre) wenden muß.
Alles was ich darüber weiß, ist, daß derselbe vor einiger Zeit bei mir war, um den Beitrag zu erheben; da ich aber nicht zu Hause war, wurde er beschieden, zu einer Stunde wiederzukommen, wo ich1 mich antreffen würde, welches indeßen unterblieb, und ich selbst habe mich öfters darüber gewundert, daß mir schon seit so langer Zeit kein Beitrag abgefordert wurde.
Daß ich aber den Vereinsdiener seit vielleicht 8 bis 9 Monaten gar nicht gesprochen, also auch keine Zahlungsverzögerung gegen ihn ausgesprochen haben kann, darauf gebe ich Eur. Wohlgeboren mein Schwurwort, und ich glaube dafür bekannt zu sein, daß dasselbe anerkannt wird.
Ich werde daher auch, indem ich mich noch Heute zum Hrn. Kassirer verfüge, um die Zahlung der Rückstände zu ordnen, nicht säumen,2 den lügnerischen Einsammler sofort zur polizeilichen Anzeige zu bringen, und indem ich ihn bei der Polizeibehörde in meiner Gegenwart werde vernehmen lassen, auf strenge Bestrafung dieses von jenem frechen Manne mir3 wiederfahrenen4 Unbill gehörig anzutragen. Daß es mich aber schmerzen muß, von einigen Mitgliedern des verehrlichen Vereins vielleicht einige Zeit verkannt worden zu sein, kann ich Eur. Wohlgeboren nicht verhehlen.
Ich bitte nur noch um Verzeihung, Sie, hochgeehrter Herr Direktor, mit dieser Angelegenheit behelligt zu haben, und verharre mit den Gesinnungen besonderer Hochachtung
Eur. Wohlgeboren

ganz ergebenster
Philipp Feidel

Cassel d. 16. Febr 1840.

Autor(en): Feidel, Philipp
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Feidel, Rosette
Krauskopf, Julius
Weinrich, Ludwig Karl
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Cäcilienverein <Kassel>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840021647


[1] „ich” über der Zeile eingefügt.

[2] Hier gestrichen: „jenen”.

[3] „mir” über der Zeile eingefügt.

[4] Sic!

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.03.2023).