Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg am 30ten März 1849. 

Recht sehr, mein innigst verehrtester Freund! bedarf ich abermahls Ihrer liebevollen Nachsicht, daß Ihre so beschleunigte gefälligste Saiten-Sendung vom 3t d. M. erst am Monaths-Schlusse den Ausdruck unserer herzlichsten Dankverehrung erhält! – Sodann hätten auch schon längst die beygehenden Musicalien, das Doppel-Concert und die Alruna-Ouvertüre dankbar zurückgereicht werden sollen! –
Als das letzte Nordheimer Abonnements-Concert heran kam, für welches die Aufführung beyder Werke seit lange verabredet war, wünschte Krüger abermahls deren Verschiebung bis zum dem von unserem Publico allgemein gewünschten noch 6ten Extra-Concerte zum 24st d.M., weil durch Kömpel’s Abwesenheit in Quedlinburg deren genügendes Einstudiren zurückgeschoben geblieben sey. – 
Da diese Litaney der dem Krüger ausgehenden Courage erst wenige Tage vor jenem 5ten Concerte einging: so wurde rasch noch noch auf die d. J. noch nicht zum Vortrage gekommenen unverwelkliche „Gesangs-Scene“ für Kömpel gegriffen, deren den allgemeinsten Beyfall wiederum hervorrufender Vortrag denn zugleich die wirklich großen Fortschritte von neuem empfinden ließ, die Kömpel seit Herbst 47 noch ferner gemacht hat. – 
Für das 6t Extra-Concert am 24st d. M. war zugleich Freund Wehner’s Vortrag eines Trio’s und einige Solo-Piecen von Hr Stud. Lindemann halb u halb zu erhoffen. Nun aber hatte der letztere beschlossen um 8 Tage früher abzugehen, u am 1st Abends wurde wir per Bothen benachrichtigt, daß solche Extra-Concert auf der Stelle zum 17t habe arrangirt werden müssen, weil die Göttinger, denen auch noch Fräulein Des-Coudres von dort freundl. sich angeschlossen habe als Sängerinn, auf diesen Tag als den allein ihm möglichen bestanden hätten! – Da war es also nicht allein mit dem noch besser einstudirt werden sollenden DoppelConcerte u Alruna-Ouvertüre wiederum nichts, sondern Krüger hatte in dieser ihm überkommenen Bothenhetze auch nicht ein Mahl die Contenance1 gehabt, irgend eine Solo-Piece für Kömpel mit auf das Programm zu bringen! – worüber die gewöhnliche Concert-Gesellschaft nurmehren mehrfach sich beschwerten; u was mir insofern auch nahe ging, als uns gerade erwünscht gewesen wäre, daß namentlich auch Wehner u die übrigen Goettinger bey der Gelegenheit Kömpels weitere Fortschritte im Solo-Spiele ein Mahl wieder gehört hätten; – mehr hervortretrend als in dessen Mitwirkung in dem von Wehner recht brav vorgetragenen, hie u da etwas sehr bereden u doch auch fremde Grund-Ideen benutzenden, Trio von A. Fesca das bemerkbar werden konnte. – 
Gleichzeitg mit Ihrer wohlwollenden Erlaubniß für Kömpel noch einer 2ten Reiseunternehmung verkündete die Zeitung schon das vorgerückt auf den 10t d. M. anberaumten 3te Hannoversche Abonnements-Concert! – und da deren nur 4 seyn sollten: so verlor ich alle Hoffnung, daß Kömpel unter den Massen mir bekannt gewordenen Sollicitanten2, – eben – u überbürthiger! – noch werde berücksichtigt werden. – Gleichwohl erhält ein sofortiges desfallsiges Schreiben an den sehr wohlwollend gesinnten Hofmarschall von Malortie3 schon nach 2 Tagen von diesem „in Königlichen Dienste“ die Aufforderung für Kömpel zur Antwort, in dem letzten Abonnements-Concerte, um 31st d. M., als Solo-Spieler aufzutreten, gegen das übliche Honorar von 4 Louisd’, mit Ausdruck lebhaften Bedauerns, daß die wunderbar bedrängte Zeit unmöglich mache, für den jungen Künstler augenblicklich mehr zu thun, da Hof-Concerte überall nicht seyen, pp. – 
Nachdem denn Ihr 9tes, 11tes, 8tes Concert u der reitzende Jessonda-Potpourri der Hof-Theater-Intendanz, – die Kammerherren v. d. Busche u v. Malortie II4, – zur Wahl gestellt wurden, bestimmten dieselben die beyden letzten Werke; die Kömpel mir denn die 14 Tage hindurch jeden Abend gespielt hat; u schließlich also, daß ich doch sicher dessen beyfälligen Ausfall ersehe! – wenn gleich man gerade für diese Königin aller Instrumente in Hannover an vollendete Leistungen gewöhnt ist, – u zwar in der leichtfertigeren aber – Nichtkenner blendenderen modernsten Schule! – 
Mittwoch ist Er abgereist, begleitet von einer ganzen Masse von Briefen an mehrere der Hofherren, u5 die angesehendsten Capellisten u Kunstfreunde. –


Von Hannover ab geht Er dann für ein 14 Tage – 3 Wochen zu der sehr liebenswürdigen u geistvoll kunstsinnigen Familie des OberAppelations-Rath Lueder in Celle; u ergeblich auch weiter nach Lüneburg, wenn nicht Ihre frühere Citation zu dortiger Anstellung ein höchst erwünschtes Hinderniß wird! – Da aber sein Vorschlag mit den Vorschlägen Bott’s u Knop’s vereint gewesen ist, u nur die letzteren genehmigt sind: so fürchte ich sehr darin ein unerwünschtes Zeichen für seine dortige Anstellungs-Hoffnung erkennen zu müssen! – was um so mehr zu beklagen wäre, als ihm die für zu mehr erhoffende gute Geschäfte als reisender Künstler auch erforderliche allgemeiner Lebenserfahrung, Menschenkenntniß, u sociale Gewandheit pp noch lange abgehen werden! 
Es ist ein räthselhaftes Ding um diese Verschiedenartikeit des Seelen-Vermögen? – wie dieser kindlich liebenswürdige Jüngling z. B. das schwierigste u verwickelteste musicalische Werk binnen ein Paar Tagen mit der größten Ruhe u äußerster Concentrirung des ganzen Seelen-Vermögens par coeur6 öffentlich würde vortragen können, das ganze Bild selbst aller Orchester-Stimmen nach einer Probe fest im Kopfe habend, und doch nicht sicher ist; wie ihm möglichst klar erörterte sociale Instruction nur von hier bis Nordheim noch klar festzuhalten! – Daher denn diese kleinen Reisen auch für Uebung mehrerer Selbstständigkeit und allgemeineren socialen Lebens(???) höchst erwünscht für ihn sind! – Sein Bedürfniß, so zu sagen auf Schritt u Tritt sich an unseren Rath zu klammern, geht oft bis zum Lächerlichen! – u doch liegt in dessen Kindlichkeit oft etwas rührendes. – 
So stand unter den hier mit ihm besprochenen Besuchen, die Er in Braunschweig bey etwaigem dortigen Auftreten zu machen habe, natürlich die verehrte Familie Ihres Herren Bruders7 und die geniale junge Harfenistin8 oben an. – Wenn gleich es nun zu einem mehrtägigen dasigen Aufenthalte nicht kam: so war Er doch von Mittag’s bis zum Abendlichen Postabgange da; u da ich ihm bezüglich eines Schreibens des Oberstl. Graebe geschrieben hatte, diesem jeden Falles einen Besuch zu machen, da vielleicht von demselben noch etwas für ihn eingeleitet seyn könnte: so war Er dem auch pünktlich nachgekommen; – aber, – Ihrem Hn Bruder Einen Besuch gemacht! – weil ich ihm blos geschrieben, auch im Falle nur der Durchreise doch dem Oberst. Gr. einen Besuch zu machen! – Er habe bey der Rückehr von diesem noch einige Minuten auf der Straße gestanden, darüber nachdenkend, ob Er auch bey so kurzem Aufenthalte seinem Wunsche folgen dürfe den Besuch bey Ihrem Hrn Bruder zu machen? – weil ich aber in letztem Briefe für solchen Fall nur den Oberstl. Gr. bezeichnet: habe Er ,nicht durch finden können“, ob Er mit jenem so flüchtigen Besuche im Reiseanzuge nicht die Schicklichkeit verletze!! – 
Ferner, – ich hatte ihm geschrieben, wie Er, da die Abend-Post erst um 9 Uhr abgehe, durch jenen dem Oberstl. Gr. zu machenden Besuch auch in der Winterreise nicht aufgehalten werde; Er solle aber die Post nicht eher belegen, bis Er den Oberstl. Gr. gesprochen, da aus dem Besuche vielleicht auch ein Aufenthalts-Grund hervorgehen könne. – Nun wurde des Abends „Titus“(!!) in der Oper gegeben. Er fürchtete aber eine Misbilligung wenn Er wegen des „Titus“ die Abendpost nicht benutze, und – fuhr ab!! – ungeachtet andern Morgens wieder eine Post abging, die ihn nur wenige Stunden später hier hätte ankommen lassen! – Ganz naiv setze Er hinzu, die ganze Nacht in dem Postwagen in der Regrettirung9 des „Titus“ nicht haben zu gute und zur Ruhe kommen können! – Natürlich wird Er damit noch fortwährend gelegentlich gehänselt; u lacht dann ganz kindlich naiv sich selbst mit aus! – 
Einen gar ungewöhnlich folgsamen Capellisten, mein innigst verehrtester Freund! werden Sie also sicher an ihm bekommen! – aber aus diesen kleinen Zügen seines noch so großen Bedürfnisses der Anlehnung an fremden Rath u Leitung auch erkennen, wie nur solche feste Stellung in einer gediegenen Capelle einstweilen noch fast allein seine weitere Künstler-Laufbahn sicher stellen kann! – Und gerade seine dortige Anstellung wünsche ich um so mehr, als dadurch die Hoffnung noch mehrgesichert wird, in ihm einen reinen wahren Repräsentanten Ihrer den tiefsten Gemüthe entquellenen u gewidmeten Violin-Schule jugendlich erblicken, u darum zu solcher Macht steigen zu sehen, daß Er der dem kalten Erstaunen gewidmeten Kunststückchen-Schule für seinen einstigen Virtuosen-Ruhm nicht bedarf! u deshalb habe ich ihn auch vor dem denn schon auf einer ganz anderen Bildungsstufe der Nordheim u Quedlinburg stehenden Publico Hannover’s unter dem Hinzukommen der vortreffl. dasigen Capelle, ausschließlich bey Ihrer gediegenen Compositionen bleiben lassen, was auch seiner eigenen innern Künstler-Sehnsucht nach für immer sein Kern bleiben muß, u wenn Er nebenbey, – als Scherz – Paganini selbst abconterfeyen könnte! – 
Und ich freue mich inniglich darauf, daß schon Heute dieser sein seelenvoller Vortrag solcher beyden herrlichen Werken, mit zugleich so vortrefl. Orchester, doch bey gar manchem Zuhörer auch der leicht oberflächl. Crême de la soçieté eine Vergleichung des Unterschiedes der innigen Wonne des ergriffenen ganzen Gemüthes und das fast nur noch gewohnt werdenen Erfreuens über scheinbare Hexereyen unwillkürlich hervorrufen wird! – u ich betrachte dieses sein Auftreten gerade in Hannover als einen kleinen Anfang solcher seiner weiteren Dinge in diesem Kampfe zwischen dem Sonst und Jetzt des herrlichsten Instrumentes.

Amt(???) 31/3 49 
So eben geht Kömpel’s Benachrichtigung der glücklich verlaufenen Probe ein, auf die ich höchst gespannt war u dieses Schreiben dafür noch bis heute zurückhielt. – Meine vorstehend sich hervorgedrängt habende Hoffnung ist in 1st Instanz dadurch schon halb bestätigt!


Auch Sie, mein innigst verehrtester Gönner! als der liebevoll edle eigentliche Schöpfer dieser Freude des strebsamen Jünglings werden von deren kindlich stummen Ausdrucke gewis gerührt u erfreut werden, daher es mich fortzieht dessen eigene Zeilen hier anzulegen; die ich in dessen gelegentlich zurückzuerbitten mir erlaube. – 
Um nun die heutige Post endlich benutzen zu können nur noch der herzliche Ausdruck wie ich mit ganzer Seele bin und bleibe 

Ihr 
wärmster Verehrer 
CFLueder. 

Und – an dem lieben theuren 5ten Tage kommenden Monathes, – wie werden da alle meine Gedanken und innigsten Glück u Segens-Wünsche zu Ihnen sich hinüber sehnen!! –



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, 03.03.1849. Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 14.06.1849

[1]Contenance, fr. (spr. Konghtenangß’) die Haltung, Fassung, Mäßigung, Zurückhaltung“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter, entstellenden fremden Ausdrücke zu deren Verstehen und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 111).

[2]Sollicitant, l. ein Ansucher, Rechtssucher, Anforderer, Mahner“ (Petri, S. 431).

[3] Ernst von Malortie.

[4] Hermann von Malortie.

[5] „u“ über der Zeile eingefügt.

[6] „par coeur“ = hier „auswendig“.

[7] Wilhelm Spohr.

[8] Rosalie Spohr.

[9]regrettiren, bedauern, beklagen, bereuen“ (Petri, S. 399).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (02.03.2026).