Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg am 8ten Februar 1849.

Herzlich dankbar, mein innigst verehrtester Freund! verehrt Kömpel1 zunächst Ihr Gewichtsvolles Empfehlungsschreiben2 für seine am Sonntage anzutretende Reise. – 
Sodann war seine Freude über Ihre fast zweyfellos nun doch noch so liebevoll durchgeholte dortige Anstellung3 eine so lebhafte u aufgeregte, daß ich fast fürchtete, Er werde bey seinem Concert-Spiel, wenige Stunden darauf, seine Gedanken nicht genügend concentriren können, u ihm rieth, zu aller Sicherheit doch lieber für das Mahl eines Noten-Pultes sich zu bedienen. – Er meinte aber, daß ich umgekehrt ihn noch niemahls so feurig u sicher würde haben spielen hören, als gerade in dieser großen Freude! – Und – Er hielt Wort! Er hat alle 3 Sätze des pptc. ¾ Stunden einnehmenden Bériotschen h-moll-Concertes, wie nachmahls den reitzenden Jessonda-Pot-pourri, Alles par coeur4, in dem wieder zum Erdrücken überfüllten Saale wahrhaft vortrefflich gespielt! – u außer Ihren alles überstrahlenden derartigen Meisterwerken habe ich doch auch allerdings noch kein Violin-Concert gehört, was, zunächst in erstem Allegro, auch von Seiten der Harmonie mich so fesselte u oftmahls so spannte, wie dieses von Litolff wohl mit allem Rechte als in dieser französischen Schule hervorragend uns empfohlenes h-moll-Concert; wenngleich man gern einige Pfeiffereyen auch daraus wegwischen mögte! – 
Auch uns, mein verehrtester Freund! hat diese Ihre nun bevorstehende Einführung des August Kömpel in eine selbstständigere Lebenslage natürlich innigst erfreuet!! – und dennoch – mich der Gedanke seines nun baldigen Ausscheidens aus unserer specielleren Vorsorge u Ueberwachung zugleich wehmüthig berührt! – Hinsichtlich des etwaigen Zeitpunktes seines dortigen Antrittes muß ich aber im voraus bemerken, daß Er unvermeidlich verpflichtet ist, das letzte Nordheimer Abonnements-Concert am 6t März hier erst noch zu verherrlichen! – Bey der Abonnements-Subscription ist sein Auftreten in jedem dieser 5 Concerte ausdrücklich verheißen; u mit seinem noch vorherigen Ausscheiden würden die Abonnementen um den allgemein anerkannten Glanzpunkte dieses letzten Concertes – geprellt! – was ich nach meiner ganzen Stellung zu der einschläglichen Gesellschaft unmöglich würde zulassen dürfen! – 
Das allgemeine Begehren dieser Concerte unter seiner Mitwirkung auch in diesem Winter, bey nun auch immer weiter vorgeschrittenen Leistungen, führte aber zu der Einigung mit jenem Musik-Corps, daß Er 1/5 der ganzen Einnahmen dieser 5 Concerte beziehen wird; woran Er zunächst die für seine Studien u Solo-Vorträge ihm wünschenswerth erscheinenen Musicalien, – vorzugsweise von Ihren Meisterwerken, – bezahlen, u dann seinem ewig lamentirenden Vater5 eine kleine Unterstützung senden wird. – Außerdem hat Er von einem Schüler u einer höchst talentreichen jungen Schülerinn wöchentlich 1 Rth 4 gr. einzunehmen gehabt, seit Winters-Anfang, woran aber oftmahls 8 gr. für Omnibus-Fahrt gleich wieder abgingen. Diese kleine Einnahme gab aber doch Gelegenheit, eine eigene kleinste Cassen-Verwaltungs-Uebung ihm anzubahnen; u seine Aufmerksamkeit doch in etwas mehr zu werden, daß nicht fortlaufend die Handschuhe, die Kappe, der Regenschirm, pp immer wieder von neuem irgend wo in Stiche gelassen werden; indem Er dergleichen Wiederausfüllungen selbst verschuldeter Lücken in seinem noch so leicht zu übersehenden kleinen Besitzthum, nun von jenem Taschengelde selbst sich stellen mußte; – was dem Zweck bereits bemerkbar entsprochen hat. – Und um ihn in einiger Cassen-Verwaltungs-Sebstständigkeit nun mehr zu üben, dessen Er noch zum höchsten bedarf, hatte ich schon beschlossen, vom 1st May an, als unseres Rechnungs-Jahres Anfang, – nachdem Er erst eben noch ganz neue feine Anzüge resp. zum Concert-Auftreten oder6 Gesellschaften und zu Morgen-Besuchen der Reise erhalten hat, – künftig nun, statt dieser Natural-Lieferungen bis auf die Schuhsohlen herab, einen festen kleinen Jahressatz von 60-80 gr. behuf eigener Unterhaltung seiner Garderobe, für das Vergnügen, welches sein seelenvolles Spiel nun immer mehr uns gewährte, ihm auszusetzen; – wie das auch geschehen würde, wenn die dortige Anstellung sich unerwartet doch noch verzögern sollte. – 
Auch würde denn ziehmlich sicher noch auf eine Rein-Einnahme vom pptc.(?) jährlich 100 Rth aus Concerten für ihn zu wünschen seyn; indem Er vieler Arten als unser Hausgenosse bey nächsten Verwandten oder Freunden kostenfrey Aufenthalt bey dergl. Excursionen genießen würde; welche Gelegenheiten ich immer bisher noch nicht benutzte, weil mir sein Spiel in den schwierigeren Passagen immer noch nicht glatt und wohlklingend genug für sein Auftreten in den Städten war, wo man, zu Mahl seit den Eisenbahn-Verbindungen, ebenfalls das Auftreten der Künstler ersten Ranges gleich den größten Städten jetzt gewöhnt ist7, u durch die Milanollo’s pp auch von concertirender Jugend schon Großes erwartet! – 
Eben jetzt aber hatte mir Graf Platen nun dessen Auftreten in Hannover im März in Aussicht gestellt; u nach Celle lagen selbst zwey Einladungen zu häuslich gastlicher Aufnahme für ihn vor; – bey meinem Neffen, dem Oberappelations-Rath Lueder8, u bey dem Bruder meiner Frau, General Wyneken I9; welche meinten, in Verbindung mit noch mehreren andern nahen Verwandten auch10 dasigen Freunden ihm schon ein ganz hübsches Concertchen bereiten zu können; wenngleich daselbst diese Zeit über fast wöchentlich Künstler auftreten, – (unter diesen auch Aloys Schmidt! – Carl Müller pp) – u noch ferner mehrere mich nahmhaft gemacfhte dortige Anmeldungen vorliegen. – 
Eben so Einladung zu häuslich gastlicher Aufnahme in Lüneburg, in der Familie meines Schwagers, General Wyneken II11, der kürzlich, als Commandeur der in Altenburg gewesenen sog. Reichstruppen, für seine Person, wie auch das sonst daselbst einheimische Officirs-Corps, für diesen Concert-Zweck unerwünscht, abwesend ist. – 
Ebenso gleiche Einladung zum Amtmann Lueder12 in Hildesheim bey Gelegenheit der Rückreise; u es ist mir um so mehr leid, daß diese beruflich verabredete März-Reise-Pläne mit der dortigen Anstellung nun nicht werden in Einklang zu bringen stehen, als nicht nur seine sociale Gewandheit u Selbstständigkeit dadurch gefördert, sondern durch seine jetzige gemüthlich häusliche Aufnahme in jenen Häusern auch vielleicht wohl angebahnt wäre, daß Er bey späteren Kunstreisen in jenen Gegenden immer wieder doppelte kostenfreye Aufnahme sich zu erfreuen gehabt haben würde, was ohne Vorangang einer in so jungen Jahren schon gemachten näheren häuslichen Bekanntschaft der Stadtbewohner den selbstständigen reisenden Künstler zu proponiren, ich mögte sagen, nicht wagen wird. – 
Sollten Sie, mein verehrtester Freund! also für thunlich halten, daß Er für die letzten 3 Wochen des März solche 2te Reise erst noch mitnähme: so würde ich herzlich bitten, mir das mit 2 Worten zu sagen; um jene März-Concerte-Vorbereitungen nicht wieder aufzukündigen; was sofort zu thun Discretion gebiethen würde, so wie das Aufgeben solcher Reise festgestellt werden muß.
Hoffentlich wird ja Ihr Intendant auch den früher für Kömpel beabsichtigten Gehalt von 300 Rth glücklich durchholen! – indem dieser entgegensehend am Ende als Catlenburger einstweiliger Kammermusicus, alles um u um in Betracht bezogen, sich besser stände, denn als Churfürstl. Hessischer!! – Und an Uebung seines ausgezeichneten Talentes für Solo-Spiel sollte es auch hier, u von hier aus, ihm gewis nicht fehlen! – Auch habe ich ihm daher, – jenen Scherz bey Seite – gemüthlich erörtert, daß, wenn diese jetzige größte Freude seiner bisherigen Lebensbegegnisse, die nun sichere Bestimmung dortiger Anstellung, – auch jetzt ja noch wieder zu widerstreben werden sollte, Er immer den Muth für seine weitere Laufbahn nicht zu verlieren brauche, wenn Er nur ein sittlich guter Mensch, u fleißiger wirklicher Kunstjünger für voll Ausbeutung seines herrlichen Talentes auf Grundlage Ihrer nie dankbar genug zu verehrenden liebevollen Belehrung ferner verblieben was Er bey jeder Gelegenheit feyerlichst angeblobt, u so Gott will ja auch halten wird! – Von den erst noch zu bewirkenden frischen Würstel wird ein Pröbchen erst Morgen sich hier anschließen. Sollte die Schachtel mehr fassen, als bey der leider so reichen Witterung genügend rasch zu confirmiren steht: so bitten wir Ihrer verehrten Frau Tochter13 mit unseren Herzlichsten Begrüßungen etwas davon abzugeben. – Frau von Malsburg werde ich ein Schachtelchen direct zugehen lassen, da ich gleichzeitig noch deren mannigfach interessantes Briefchen dankbar zu erwiedern habe. – Meine Frau empfiehlt sich Ihnen wie mit mir Ihrer theuren Frau Gemahlin auf das herzlichste! – Innigst 

Ihr 
so warmer als dankbarer Verehrer 
CFLueder. 

G.N.S. So eben geht doch wieder ein Schreiben des braven Quedlinburger Gutsbesitzers ein14, dessen neuer Gönnerschaft Kömpel durch sein seelenvolles Spiel sich erworben, welches ich auch anlege; da ich denke, daß diese theilnahmsvolle Geschäftigkeit für ihn, wie sie ein nochmahliches an sich nicht weiter erforderliches Schreiben an sich schon ausdrückt, auch Sie ergötzen werde! – 
Wir hatten uns nämlich ein Mahl noch vorbehalten, zwischen dem Concerte des 19t d.M. u einem 2ten eben solchen zum 19t März anstehenden Quedlinburger Concertes, um erst Nachricht wegen des etwaigen Auftretens in Hannover pp zu erwarten; – u da Graf Platen dessen Aussicht in den März fallen u für Celle pp der März auch besser passen, so bestimmte ich Hr Kopp unterm 5t d.M. außer Wahl des schon nächsten Quedlinburger Concertes, am 19t d.M.; was also eine weitere Antwort nicht erforderte; u diese, dennoch ertheilt, mir einen unwillkürl. Beweis der Freude leistet, das der alte Mann an Kömpel sofortiger Ueberkunft hat; wodurch der letztere zur großen Freude dieser kleinen Reise noch mehr erhöht ist, wie es uns Alle erfreut hat. – Von ganzem Herzen

der Ihrige 
CFL.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Lueder. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 28.02.1849.

[1] August Kömpel.

[2] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[3] Kömpel wurde 1849 in der Kasseler Hofkapelle eingestellt (vgl. Spohr an Adolph Hesse, 19.11.1849).

[4] „par cœur“ = hier „auswendig“.

[5] Georg Kömpel.

[6] Hier drei oder vier Buhstaben gestrichen.

[7] „ist“ über der Zeile eingefügt.

[8] Georg Gustav Lueder.

[9] Friedrich Wyneken.

[10] „nahen Verwandten auch“ über der Zeile eingefügt.

[11] Christian Wyneken.

[12] Carl Lueder.

[13] Ida Wolff.

[14] Philipp Kopp an Lueder, 08.02.1849.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.02.2026).