Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr Hochwohlgeboren
Dem Herrn General-Musik-Director
Dr Louis Spohr
Vieler hohen Orden Ritter
zu Cassel

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Catlenburg am 8ten Juni 1848.

Ihr liebes Schreiben vom 25t v. M., mein innigst verehrtester Freund! und dessen unendlich gütige Anlage sind abermahls ungebührlich lange ohne meine dankbarste Erwiderung geblieben! – dessen Entschuldigung ich von Ihren freundlichen Berücksichtigung des noch immer gleich üblen Verhältnisses erhoffe, daß ich nur während der ersten Tages-Hälfte mich außer Bett zu erhalten vermag, – und die außergewöhnliche Zeit auch stets schon mehr außergewöhnliche Schreibtisch-Erledigungen erfordert, als solche Tages-Hälfte stets rechtzeitig zu bezwingen vermag! –
Und so ist es denn auch gekommen, daß die herzliche Freude, welche das Berliner Amtsblatt2 durch Ihre Ernennung zum Ritter des Kunst- u Wissenschaft-Verdienst-Ordens ausbrachte, nicht in demselben Augenblicke in auch schriftliche herzlichste Beglückwünschung überströmte! –
Recht wohl aber hätte es mich drängen mögen, eben so lebhaft dem Könige Friedrich Wilhelm AllerhöchstSelbst das fallsigen Glückwunsch zuzurufen, als dem all!verehrten Empfänger dieser Auszeichnung! – indem dadurch die zu s. Z. wahrlich unerklärliche und der gesammten Kunstwelt in so hohem Grade anstößig und greulich(???) gewesenen, bey dieser Ordens-Erwählung ursprünglich eingeschlichenen Versäumniß des kunstsinnigen Königs ja nun wohl verzeihender Vergessenheit nach und nach anheim fallen wird! – und mit bei innigster Theilnahme an dieser gerechten nunmehrigen Ausgleichung so unerklärlicher frühereren Versäumniß hat diese amtliche Bekanntmachung auserfüllt und erfreut! –
August Kömpel war sehr überrascht durch Ihr gar gütiges Geschenk der Solis des St. Lübin, und übertrug mir den Ausdruck seiner großen Dankverehrung! – Allerdings sind sie [???] schwer, und um sie wohlklingend spielen zu können, wird Er wohl noch etwas daran zu kratzen haben! –
Zu unserm Schrecken haben wir aus den öffentl. Blättern ersehen, daß Litolff’s viel gepriesene Oper, „die Braut vom Kynast“ in Frankfurt total durchgefallen ist!3 – Welch‘ ein Contrast gegen die Braunschweiger Berichte!!4
Unser Hof und Dorf ist ungewohnt lebendig geworden! – Die Armee ist nun ganz auf dem Kriegsfuße, was ziemlich eine Verdoppelung der Battailon-Stärke bringt; so daß in den Städten der Platz mangelt, und auch für Infantrie das glatte Land gegen langjährige süße Friedensgewohnheiten zu Hülfe genommen werden muß! Hier liegt eine Compagnie, deren Officinen unsere Höfe sind! – mit anscheinend längerer Ausdauer, – da die Herren von hiesigen „Pfingst-Plänen“ sprechen, pp. (der Stab dieses 2ten leichten Battaillons liegt in Nordheim) – und ich empfinde in dem Gedanken, ja doch schon aus Gesundheitsrücksichten auf Ihre so anziehende Pfingst-Einladung im voraus habe verzichten zu müssen, nun fast einen Trost! – Da diese Art von Reisebehinderung desungefragt überkommenden freundl. Wirthmacherey pp mich allerdings noch um vieles ungeduldiger machen würde, wenn ich nicht ohnehin lahm an’s Haus gefesselt wäre! –
Doch – muß man in der vor aus liegenden Zeit schon gern zufrieden seyn, wenn solche unfreywillige Besuche pp nur auf unserer eigenen braven Landsleute beschränkt bleiben wollen!! –
Ueber Ihre diesmalige Ferien-Reise bey Hrn Engelhard‘s Besuche etwas zu hören, bin ich recht gespannt! –
Meine Frau empfiehlt sich Ihnen und mit mir Ihrer theuren Frau Gemalinn auf das herzlichste! – Innigst

Ihr wärmster Verehrer
CFLueder.



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, 25.05.1848, dessen Postweg sich mit dem von Lueder an Spohr, 26.05.1848 überschnitt. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 06.07.1848, aus dem sich noch ein derzeit verschollener Brief von Spohr an Lueder, 05.07.1848 erschließen lässt.

[1] Rechts oben auf dem Adressfeld befindet sich der Poststempel „CATLENBURG“, auf der Rückseite des gefalteten Briefs der Stempel „D.1 / 9/6“.

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] „[Litolff’s Oper]“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 50 (1848), Sp. 319; C[arl] G[ollmick], „Frankfurt a. M.“, in: ebd., Sp. 661-664.

[4] Vgl. „[Am 19. September wurde in Braunschweig]“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 49 (1847), Sp. 750; „Aus Braunschweig“, in: Wiener allgemeine musikalische Zeitung 7 (1847), S. 471; „[Man schreibt uns aus Braunschweig]“, in: Signale für die musikalische Welt 5 (1847), S. 340; „Braunschweig“, in: Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (1847), S. 791; „[Am Sonntag den 19. v. M. wurde in Braunschweig]“, in: Humorist 11 (1847), S. 946.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (07.05.2025).