Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Verehrtester Freund.

Obgleich leider nunmehr Jahre zwischen jetzt und der Zeit liegen wo wir uns zum leztenmale sahen, so lebe ich dennoch in der freudigen Hoffnung bey Ihnen unverändert in treuem freundschaftlichen Andenken geblieben zu seyn und diese Hoffnung giebt mir denn auch den Muth Ihnen mit einer Bitte beschwerlich zu fallen durch deren Erfüllung Sie sich mir sehr verbinden würden. Der Herr Pfarrer Wilke1 in Cassel, welcher mit der, schon seit längerer Zeit sich hier aufhaltenden Prinzeßin von Lippe-Bückeburg in Correspondenz steht, hat ihr seinen Sohn2 im vorkommenden Falle zu einer Haus Lehrer Stelle empfohlen, und die Prinzesßin, welche weiß daß ich eines solchen für meine Kinder benöthigt bin, mich hiervon zu unterrichten die Güte gehabt. Nun hat es mir zwar nicht an Gelegenheit gefehlt mich nach dem kungen empfohlenen Manne zu erkundigen indem die Tochter des Oberchirurgen Mann zu Cassel welche seit kurzem in unserm Hause lebt, ihn kennt und3 nur Empfehlens werthes über ihn zu sagen weiß. Indessen wünschte ich denn doch auch ehe ich in Unterhandlung mit ihm träte, aus eines zuverlässigen Mannes Munde etwas Sicheres über ihn zu vernehmen und so wage ich es denn, Sie, verehrter Freund, in dessen einsichtige und unverhohlen ausgesprochene Meynung ich von jeher Achtung zu setzen gewohnt gewesen bin, hiermit zu ersuchen mir mit nur wenigen Zeilen Ihr Urtheil über den jungen Menschen, der Ihnen doch wohl bekannt seyn wird, oder über den Sie außerdem auf zuverlässigem Wege Erkundigung einzuziehen4 gewiß5 Gelegenheit genug haben mittheilen zu wollen. Wie ich höre, soll er ernsten und häuslichen Sinnes, dabey aber freundlich gegen Kinder seyn, soll viele Kenntnisse besitzen auch Unterricht in der französischen und6 englischen Sprache ertheilen können und auch, wie ich sehr wünschen würde gut musikalisch seyn, und Unterricht darin ertheilen könne!7 Sollten Sie nun dieses gute Zeugniß bestätigen können und der junge Mann zugleich auch in ökonomischer Hinsicht frey von Verwöhnung seyn und seine sonstigen Ansprüche nicht zu hoch spannen so würde ich ihn gern für meine Kinder zu gewinnen suchen, ohne mich daran zu stoßen daß, wie ich hörte, sein Aeußeres durch eine von der Universität mit nach Hause gebrachte Schmarre etwas entstellt ist.
Von mir und den Meinigen habe ich Ihnen übrigens, Ihrer Theilnahme versichert, nur Erfreuliches zu berichten. Durch Geschäfte jetzt freylich mehr als früher gebunden, fühle ich auch demohnerachtet in meinen Dienstwirkungskreise behaglich und durch den Besitz meiner braven Hausfrau8, die mir fünf Knaben und ein Mädchen geschenkt hat, glücklich. Meine Mutter9, jetzt in ihrem 81ten Jahre stehend, lebt noch und gedenkt noch oft und mit freudiger lebhafter Erinnerung der schönen heiteren Tage die uns hier durch Ihre Gegenwart wurden. Sie sowohl als meine Frau und Ihre beyden heisigen ehemaligen KammerHerrn, Müller und Sommer, wollen Ihnen auf das angelegentlichste empfohlen seyn.
Mit dem herzlichen Wunsche daß diese Zeilen Sie recht gesund antreffen und Sie mir Ihr stetes freundschaftliches Andenken erhalten mögen, so wie mit der Bitte noch gefälligst recht bald mit einer Antwort erfreuen zu wollen verharre ich unveränderlich als
Ihr

treu ergebener Freund
und Diener
CLAHollebengtNormann

Rudolstadt den 28t Nov.
1838.

N.S.
Durch Zufall hat sich die Absendung dieser Zeilen um einen Tag verzögert und so füge ich denn noch nachträglich hinzu, daß sich mir seit gestern noch eine anderweite Aussicht eröffnet hat die in Kurzem vacant werdende Hauslehrer-Stelle in meinem Hause durch ein sehr empfohlenes Subjekt zu besetzen, und daß mir also viel daran liegt, so bald als möglich über den jungen H. Wilke Auskunft zu erhalten um dann eine Wahl treffen zu können.
Entschuldigen Sie nur aber ja meine Zudringlichkeit.

N

Autor(en): Holleben, Anton von
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Holleben, Henriette von
Holleben, Ida von
Karoline Schaumburg-Lippe, Prinzessin
Mann (Tochter von Ernst Mann)
Wilke (Sohn)
Wilke, Wilhelm Theodor
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1838112847

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Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Holleben an Spohr, 12.10.1823. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Holleben an Spohr, 09.06.1842.

[1] Wilhelm Theodor Wilke.

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Hier gestrichen: „empfiehlt“.

[4] „zu“ über der Zeile eingefügt.

[5] „gewiß“ über der Zeile eingefügt.

[6] „französischen und“ über der Zeile eingefügt.

[7] „könne!“ über der Zeile eingefügt.

[8] Ida von Holleben.

[9] Henriette von Holleben.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (28.03.2023).