Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochwohlgeborner Herr,
Hochzuverehrender Herr Hofkapellmeister!

Gestützt auf die Gunst, in einer früheren Zeit – als nämlich Euer Hochwohlgeboren einst auf einer Kunstreise einige Zeit in Darmstadt verweilten, wo ich damals im Casino Ihr unvergleichliches Violinspiel auf dem Fortepiano begleiten durfte1 – Ihrer Gewogenheit gewürdigt worden zu seyn, bin ich so frey, Ihnen eine angelegentliche Bitte ganz ergebenst vorzutragen.
Mein ehemaliger Landesherr und Patron meines Vaters2 wird nächstens seine Vermählung3 feyern und erwartet von mir mit Recht (für viele mir und meiner Familie erwiesene Gnade) die Besorgung des musikalischen Theils der statt findenden Festlichkeiten. An Musikstücken ist hauptsächlich erforderlich
1 Festmarsch für vollständiges Orchester,
1 Geschwindmarsch für Harmonie oder Infantrie,
1 große Polonaise für Orchester oder Harmonie
1 Fackeltanz für do
Ich habe mich schon seit einiger Zeit damit gequält, gedachte Piecen zu setzen; jedoch gefunden, daß ich kaum etwas Erträgliches, viel weniger etwas Meisterhaftes zustande bringen werde. An wen könnte ich mich nun in dieser Verlegenheit mit größerem Vertrauen wenden, als an Euer Hochwohlgeboren, – den großen, gefeyerten Künstler und den humanen Mann! Ich wage es also, Euer Hochwohlgeboren die inständige Bitte ganz ergebenst vorzutragen gedachte Piecen oder einige davon gefälligst zu setzen und mir gütigst recht bald zusenden zu wollen. In unbegrenztem Vertrauen auf Ihre höchst bewährte Billigkeit und Humanität erlaube ich mir zum Voraus die ergebenste Erklärung: daß ich jedes Honorar, welches Euer Hochwohlgeboren geneigtest bestimmen, sehr gerne mit dem verbindlichsten Danke leisten werde.
Von Ihrem vortrefflichen Schüler Franz Hartmann werden mir Euer Hochwohlgeboren Einiges mitzutheilen erlauben. Er ist hier seit längerer Zeit – und wie es den Anschein hoch glücklich verheirathet; doch behaupten viele, er hätte durch seine frühe Verheirathung der besseren Verfolgung seiner Künstler Laufbahn bedeutende Hindernisse im Weg gelegt. Dabey wird er leider noch fortwährend für den Militairdienst in Anspruch genommen, und mußte vor einigen Wochen mit dem 19t Infantrie-Regiment als Hautboist nach Cöln überziehen.
Indem ich Euer Hochwohlgeboren noch bitte, mich den verehrten Ihrigen, – Welche sich meiner Wenigkeit vielleicht noch seit dem Pfingstfest des J. 1826 von Düsseldorf her gütigst erinnern werden, ganz gehorsamst zu empfehlen, habe ich die Ehre, mit unbegrenzter Verehrung zu verharren
Euer Hochwohlgeboren

ganz gehorsamster
Louis Schneider,
RegierungsSekretair.

Coblenz den 17t Sept. 1833.
Wohnh. auf dem Castorhofe
Nro. 384.

Autor(en): Schneider, Louis
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Hartmann, Franz
Ludwig III. Hessen-Darmstadt, Großherzog
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Darmstadt
Düsseldorf
Köln
Erwähnte Institutionen: Niederrheinische Musikfeste <verschiedene Orte>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1833091746


[1] Vermutlich im Zusammenhang mit Spohrs Darmstadtaufenthalt um den 15.03.1808 (vgl. Hermann Knispel, Das Großherzogliche Hoftheater zu Darmstadt von 1810-1890, Darmstadt und Leipzig 1891, S. 43, Anm. 1). Ein von Spohr geplantes Konzert 1816 wurde abgelehnt (vgl. Spohr an Großherzog Ludwig I von Hessen-Darmstadt, 29.01.1816).

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Der spätere Ludwig III. von Hessen-Darmstadt, der 1833 in München Mathilde Caroline von Bayern heiratete (vgl. „München, den 13. November“, in: Münchener Politische Zeitung (1833), S. 2186f.)

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.05.2023).