Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Ries,H.:1
Berlin d 19t Juni 1835.
Sehr geehrter Herr Kapellmeister!
Ihre Zuschrift vom 18t May war mir äußerst angenehm, indem sie mir einen Beweis gab, daß ich (obschon durch eine Nachläßigkeit des Briefschreibens das Glück nicht verdiene) doch noch in Ihrem wohlwollenden Andenken stehe.
Unendlich freue ich mich auf Ihr neues Oratorium, und hoffe daß es mit den schönen Mitteln, welche wir hier besitzen in der Charwoche künftigen Jahres zur Aufführung kommen wird. Ich glaube in Ihrem Sinne zu handeln, wenn ich einer etwa früheren zu beabsichtigenden Aufführung widerrathe, indem der Religiöse Gegenstand sich nur für diese Zeit eignet, und im allgemeinen die äußere Stimmung, auf das Gemüth, und die Music zu großen Einfluß übt, und namentlich bei einem solchen Werk, (um die Wirkung nicht zu verfehlen) mir nothwendig scheint. – Es zirkuliren hier mehrere Subscriptions-Listen, weshalb die Meinige nicht nach meinem Wunsche ausgefallen ist; doch soll hierbei der Einzelne ja nur zum Ganzen beitragen, und das habe ich nach meinen geringen Kräften gethan.
Das vergangene Jahr hat für Sie einen so traurigen Verlust mit sich gebracht1, daß ich aus Furcht Ihren Schmerz zu erneuern nicht geschrieben habe; Es war mir daher sehr lieb durch Ihr neues Werk zu sehen, daß Sie zur Kunst Ihre Zuflucht genommen haben, und so hat das Unabänderliche mit Stärke zu ertragen suchen; Welchen lebhaften Antheil ich an diesem Ereigniß genommen, darf ich Ihnen hoffentlich mein hochverehrter Lehrer nicht erst noch sagen.
Nicht selten habe ich mir mit der Hoffnung geschmeichelt Sie hier in Berlin einmal wieder zu sehen, da öfter die Rede davon war einen Kapellmeister hierher zu berufen welcher im Stande wäre, unsern fast in Träume gefallenen Music-Zustand wieder aufzubauen. Es ist fast unbegreiflich wie sich unser Theater, unter den jetzigen Verhältnissen noch halten kann; und ein Jeder, dem noch einen Keim für das Bessere im Herzen liegt, hofft mit Ungeduld auf eine baldige Aenderung. – Meine Stellung hat sich nur um weniges gebessert, und sehe daher dieser Aenderung mit noch größerer Sehnsucht entgegen, denn gewinnt die Kunst dabey, so erfüllten sich auch meine Wünsche.
Mein Quartett-Verein hat sich im vergangenen Winter auf’s neue bewährt, denn wir hatten trotz der Concurenz mit Möser nochmal so viel Abonenten als im ersten Jahre.2 Dieser Verein ist trotz der damit verbundenen Mühe meine Erhohlung; und merkwürdig ist es, daß Ihre Quartette uns zu spielen am leichtesten werden, und fast jedesmal der Glanzpunkt unseres Quartett Abends ist. Beethovens letzte Quartette einzuführen ist uns nicht gelungen, auch muß ich selbst gestehen, daß trotz so manchem Schönen, doch der schöne Zusammenhang der Gedanken mir entgeht; und das Ganze trägt das Gepräge einer kranken leidenden Seele, und wird, (fürchte ich) in der Geschichte der Music, nur als ein Denkmal, eines großen, doch aus den natürlichen Schranken getretenen Geistes bleiben.
Empfehlen Sie mich Ihrer geehrten Familie, und wenn ich bitten darf den Herren Hauptmann, Wiele, Hasemann, und genehmigen Sie die Versicherung meiner unbegrenzten Hochachtung und
Ergebenheit
Hub. Ries
P.S. Ich sende die Subscriptions-Liste mit, indem ich nicht weiß, ob Sie die Exemplare direct, oder durch mich den Subscribenten zukommen zu lassen gedenken; Zur Führsorge habe ich mir eine Copie der Subscrib. genommen. Wollten Sie mir das Freiexemplar schicken3, so werde ich es dem Seminar Lehrer Schätzlich aus Potsdam zukommen laßen, welcher ein verdienstvoller doch unbemittelter Musiker ist, und sich der Beförderung der Sub. in Potsdam besonders angenommen hat.
Hub. Ries
| Autor(en): |
Ries, Hubert |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Möser, Carl Schärtlich, Johann Christian |
| Erwähnte Kompositionen: |
Beethoven, Ludwig van : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 130 Beethoven, Ludwig van : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 131 Beethoven, Ludwig van : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 135 Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden |
| Erwähnte Orte: |
Berlin |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1835061940 |
Dieser Brief ist die Antwort auf Spohrs Subskriptionsaufruf für sein Oratorium Des Heilands letzte Stunden, dessen an Ries gerichtetes Exemplar vom 18.05.1835 derzeit verschollen ist. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Ries an Spohr, 03.07.1835.
[1] Spohrs Ehefrau starb während der Komposition an Des Heilands letzte Stunden am 20.11.1834.
[2] Vgl. „Berlin (Beschluss)“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 37 (1835), Sp. 28-31, hier Sp. 31; „Berlin, den 15. Jan. 1835“, in: ebd., Sp. 64ff., hier Sp. 64f.; „Berlin, im März“, in: ebd., Sp. 238f. hier Sp. 239; „Berlin, im April“, in: ebd., Sp. 280-284, hier Sp. 280.
[3] „schicken“ über gestrichenem „zukommen laßen“ eingefügt.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (14.11.2024).