Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Gehe:6
Dresden den 7ten März 1824
Geehrter Freund,
Meinem Versprechen gemäß sende ich hier die neue Oper1, die, wenn mir über meine eigene Arbeit ein Urtheil erlaubt ist, mir vorzüglicher scheint als der Text zur Jessonda. Ich habe Ihren Bitten gemäß stets abwechselnde Metra gewählt um die Abwechslung in den Musikstücken zu erleichtern. Das Rezitativ ist so einfach gehalten, daß es auch blos gesprochen werden kann, falls dies in dieser romantischen Oper, die nicht durchaus opera seria ist, von Ihnen für rathsam erachtet werden sollte. Ich meine, wenn zwischen Ebbo und Erna namentlich Einiges blos gesprochen würde, trüge dies zur Verdeutlichung des Sujets, dem großen Publikum gegenüber, bey. Allein, ganz wie Sie wollen. Ich brauche diesen Punkt nur, um Sie um Ihre Entscheidung zu bitten. Ich habe es für graziöser und der höheren Haltung der ganzen Oper angemessen gehalten, die Blumenkinder am Ende ihres Lebens nicht als alte Weiber sondern nur mit gesenkten Köpfen, herab fließenden Haaren und allen Zeichen der Mattigkeit auftreten zu lassen. Stützen sich die Persönchen auf einander, ruhen sie dann in Gruppen auf der Erde, in welche sie versinken können, so gibt dies in plastischer und poëtischer Hinsicht, gute Bilder.
Eine kleine Aenderung dürfte vielleicht noch mit dem Finale des zweyten Aktes vorzunehmen seyn. Ich will mich ihr gern unterziehen, falls die Chöre zu kürzen und das Fest zu vereinfachen ist. Man machte mir hier den Einwurf, daß die Gnomen kleine buckliche Männchen, nicht größer wie Kinder, seyen und daher großer Chöre von ihnen nicht ausgeführt werden könnten. Deshalb ist von mir2 selbst Ebbo nur als Erdgeist, den man sich auch in Mannesgestalt denken kann, ausgeführt, und in den Eingangsscenen habe ich alle die Aeusserungen zb „wir sind auch da“ gestrichen, die nur [???] erscheinen würden, falls sie von Kindergestalten gesprochen würden. So wie sämtliche Erdgeister nach diesen Aenderungen jetzt reden, können sie von erwachsenen Sängern dargestellt werden.
Nicht blos einen Aufwand an Zeit sondern auch an geistiger Kraft hat mir die Ausarbeitung der Oper gekostet – das kann ich mit Redlichkeit sagen. Doch halte ich es für das angemessenste, daß Sie, mein lieber geehrter Freund, mir gegenwärtig als Honorar blos das schicken, was Sie mir bey noch ungewissem Absatze der Oper jetzt geben zu können meinen.
Glückt es mit der neuen Oper so wie mit Jessonda, die, wie ich höre, auch in Berlin und andren Orten zur Darstellung kommen und Ihnen so verdiente Anerkenntniß und Gewinn bringen wird: so hoffe ich von der Billigkeit des Componisten, daß er dem Dichter in Bezug auf die Oper „der Berggeist“ noch einen Vortheil nachträglich vergönnen werde. Es fällt mir nicht ein zu glauben, daß das Schicksal einer Oper durch den Text bestimmt werde. Die Musik ist immer die Hauptsache. Aber daß ein schlechter Text selbst den besten Componisten hemmen und eine gute Dichtung seinen selbständigen Aufschwung erleichtern könne – darüber sind wir wohl beyde einig. Weber sagte mir, daß er Ihnen über die hiesige Besetzung der Jessonda anfragend geschrieben.3 Ist dies gegründet? Da die eine Parthie ohne Zweifel von der Devrient (Schröder) gesungen wird und die Funk seit wenigen Monden, nach letzter(???) gänzlicher Genesung halber, an Stimme und Spiel so wie an Beyfall des Publikums gar sehr und auf das unerwartetste gewonnen hat, so melde ich Ihnen dies, damit Sie auf diese Besetzung der weiblichen Rollen mit den zwey kraftvollsten Stimmen der Funk und Devrient bestehen können. Weber hat seine Euryanthe auch mit der Devrient und Funk besetzt und da Jessonda nach dieser Oper gegeben werden wird, so dürfte es wohl billig seyn, daß dieselben Stimmen, die Weber durch Besetzung seiner Oper selbst als die tüchtigsten in Dresden anerkannt hat, auch von ihm in der Jessonda angewendet werden. Die Veltheim hat Musik aber eine dünne Stimme, die Hause ist wohl zu wenig Sängerin für die Amazili. Die Mitteltöne der Funk sind jetzt ganz energisch und besser als die der Devrient, dagegen hat letztere mehr Höhe. Die Funk scheint sich sehr die Rolle der Jessonda zu wünschen. Dies Alles schreibe ich – in freundschaftlichem Vertrauen über den jetzigen Stand der Ihnen von früher bekannten Theaterverhältnisse.
Mit herzlicher Freundschaft
ganz der Ihrige E. Gehe
| Autor(en): |
Gehe, Eduard |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Funck, Friederike Schröder-Devrient, Wilhelmine |
| Erwähnte Kompositionen: |
Spohr, Louis : <%Der%> Berggeist Spohr, Louis : Jessonda Weber, Carl Maria von : Euryanthe |
| Erwähnte Orte: |
Dresden |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Dresden> |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1824030746 bitlx |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Gehe an Spohr, 17.11.1823. Spohrs Antwortbrief vom 18.03.1824 ist derzeit verschollen.
[1] Die spätere Oper Der Berggeist, dessen Libretto schließlich jedoch Georg Döring verfasste.
[2] „von mir“ über der Zeile eingefügt.
[3] Vgl. Carl Maria von Weber an Spohr, 12.01.1824.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (17.04.2025).