Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Gehe:5

Dresden den 17ten November 1823,

Geehrter Freund,

Der mir übersandte Plan1 hat mich lebhaft beschäftigt. Jeden Tag habe ich an ihn gedacht. Da es jedoch bey einem Werke, welches hoffentlich auf alle deutsche Bühnen gelangen möge, rathsam ist, daß sich Componist und Dichter gleich anfangs vollkommen verständigen, so will ich die mir in Ihrem vorletzten Briefe gegebene Erlaubniß aus Ihrem und meinem Plan das Schickliche zu wählen, nicht benutzen, sondern Ihnen, ehe ich an die Arbeit gehe, noch einige Ansichten und Zweifel mittheilen, deren ich mich nicht habe entäussern können, trotz vielfachen Nachdenkens über unsern Gegenstand. Sehen Sie in dem folgenden nur den Beweis wie ernstlich ich es mit dem neuen Werke meine und wie ich mir gerade darum, weil ich für Sie schreibe, ein höheres, wenn auch schwerer zu erreichendes Ziel strebe, als gewöhnliche Textschreiber. Sie werden mit mir darüber einverstanden seyn, daß die neuere Zeit an eine Operndichtung strengere Anforderungen macht als die frühere. Wem wäre, es noch vor zehn Jahren eingefallen, einen Operntext zu kritisiren? Jetzt geschieht es, wie die vielen Kritiken über den Text des Freyschützen und die neueren über Euryanthe usw. beweisen. Ich wette, in wenigen Jahren steht in Deutschland die Meynung fest, daß Musik mit Dichtkunst Hand in Hand gehen müssen und nur die Oper als vollendetes Ganze zu betrachten sey, woneben dem Werthe der Musik auch der Text praktischen Vollgehalt habe. Nicht Eigenliebe, sondern nur die wohl räthliche Kunstsicht auf das, in dieser Hinsicht vernünftigen Zeitgeist, macht es mir daher wünscheswerth, einen Text zu entwerfen, dem eine poetisch schöne Grundidee unterliegt und welcher sich zwar an die Musik innig anschließt, dabey aber einigen poetischen Werth selbständig zu bewahren weiß. Ihre Grundidee suchte ich in dem, nach Ihrem Plane nicht zur Anschauung kommenden Gedanien, daß die Liebe gegen Menschen zu einander, wenn sie göttlich ist und rein, selbst den Zorn der Götter besiegt und ihn in Segnung verwandelt. Gesetzt aber auch, diese Kraft der Liebe könne sich ohne die Proben, die ich für den 3ten Akt des Textes vorschlug, berühren (in diesem Punkte will ich gerne aufgeben) so dürfte doch die Kritik in dem Beleben der Rüben Anstoß nehmen und dem Dichter direkt, dem Komponisten aber indirekt entgegnen, daß Rüben ebenso wie Kürbiße in irgend einer älteren Oper in Mädchen verwandelt wurden, ein unedler Gegenstand für die höhere Oper, die sich nicht an die alten Zauberopern reiht, seyen. Sie selbst, mein Verehrter, haben mit feinem Sinn dies gefühlt, indem Sie statt der Rüben Aepfel vorgeschlagen haben als etwas Höheres. Allein die Verwandlung der Aepfel in Mädchen würde, meine Gefühl nach, doch immer wieder als Spuk erscheinen, gegen dessen Verwendung in der höheren Oper so manches vernünftige Wort in neuerer Zeit gesprochen worden ist. Mit selbst nicht trauend und um fremde Urtheile mit einander zu vergleichen, habe ich mit mehreren Männern vom Fach gesprochen, jedoch blos im Allgemeinen, ohne nähere Bezeichnung oder Indiskretion die Frage aufgeworfen, ob wohl für eine höhere Oper das Beleben der Rüben in Mädchen passe. Die Antwort fiel jedesmal dahin aus, es liege etwas Widriges in dem Gedanken, die Mädchen seyen eigentlich bloße „Rüben, man fürchte, der an sich vollendetsten Komposition werde das lächerliche Schaden thun, was sich aus der Ideenassociation von Rüben und Mädchen unwillkürlich ergebe. Ich begreife nun wohl die Fülle der Effekte, die die Belebungsscene Ihnen gewährt, weiß auch, daß ich und die Männer, mit denen ich gesprochen, sich irren können, nur das, daß die von mir einzeln Befragten, ohne Rücksprache mit einander, derselben Meinung waren, bringt mich zu der Meynung, es müssen diesem gleichstimmigen Urtheile dann doch irgendwie, in jeder Menschenbrust begründetes Gefühl zur Basis dienen. Ziehen Sie wenigstens diesem Gegenstand noch einmal in freundliche Erwägung. Vielleicht läßt sich ein Ausweg treffen, der Ihnen dieselben musikalischen Effekte bindet, vielleicht gar zu Schönheiten gesteigert. Wie wäre es, wenn wir annähmen, es habe vor Zeiten in dem Gnomenreiche, wo jetzt nur männliche Gnomen leben, ein Geschlecht weiblicher Gnomen, äußerlich blühend und reizend, aber wie die Undine, ohne Seele, gegeben. Diese seyen durch einen Zauber, den irgend ein mächtiger Erdgeist ausgeübt in Tropfsteine verwandelt worden mit der Erlaubniß, alle [???]n einmal auf einen Tag ihre aussprüchliche leichte und quecksilbrige Natur wieder anzunehmen. Bekanntlich stellen sich in Tropfsteinhöhlen die wundersamsten, oft menschlichen Gestaltungen in Steinen dar. Wie nun, wenn Emma ihre Sehnsucht nach ihren Gespielinnen oder wenigstens einigen Andren, die, weiblichen Geschlechter, auch die Empfindungen eines Weibes verstünden, äußerte und darauf Rübezahl entgegnete, sie solle die Steine beleben. Er könnte sie dann in die Tropfsteinhöhle (eine schöne Decoration) führen. Uebervoll können hier Tropfsteine mit menschlichen Gestaltungen angebracht seyn. Diese versinken dann in der Belebungsscene, und auf die leichteste Weise von der Welt kommen überall reizende Erdnymphen zum Vorschein. Nichts ist hier unnatürlich, die Scenerie hat gar keine Schwierigkeit, weil die Nymphen hinter den Steinen stehen oder auch zum Theil den braunen2 Flor, den sie als Stein über sich weggezogen hatten, von sich reißen können. Ihre musikalischen Effekte sind dieselben und können noch gesteigert werden, daß es etwas Höheres ist, eine Geistergesellschaft ins Leben zu rufen, als aus Rüben Mädchen zu schaffen. Immerhin kann aber Emma von den seelenlosen Erdnymphen ein Grauen erfassen. Sind dann die vier und zwanzig Stunden um, so kann es für die Musik einen herrlichen Contrast geben, wenn vielleicht mitten in einem Tanze die Erdnymphen die Versteinerung wieder ergreift. Emma kann dann, ihrem Plane nach, herunter gehohlt werden und denselben Contrast zwischen einer seelenlosen Erdnymphe und den seelenvollen Mädchen sich zeigen. Der einzige Einwurf, der gemacht werden kann, ist: Das sey nicht nach dem Volksmährchen. Aber hier entgegne ich: Mährchen und Drama sind ganz verschieden. Auch kann ich aus der Königl. Bibliothek viele alte Bücher citiren, nach welchen der Nahme Rübezahl ganz anders erklärt wird, als vom Zählen der Rüben. In den meisten Büchern wird er Riebezahl genannt und da kommen ganz andre D[???]tionen zum Vorschein. Ein wahrer Grund, sich an die Rüben zu binden, ist also gar nicht vorhanden. Wie reich, wie schön für Musik und Dichtung und Scene könnte es vollends werden, wenn man das Schicksal der Erdnymphen durch die ganze Oper verwebte. Der Geisterspruch, der sie in Steine verwandelte, könnte also gelautet haben: „Ihr seelenlosen und doch nahenden Wesen sollt nicht eher wieder euch verlebendigen, bis3 zwey Seelen den Triumph einer Liebe feyern dann soll ein Strahl dieser Liebe auch euch beseelen.“
Welchen schönen Chor der beseelten Erdnymphen könnte es dann in der Mitte des letzten Aktes geben! Die Wiedervereinigung Emmas mit den Ihrigen beschlösse das Ganze. Doch das führte vielleicht zu weit, indem es eine Aenderung des ganzen Planes erfordern würde. [PS. Nur in den letzten Akten, was die Lösung des Zaubers betrifft. Denn Alles frühere, auch Emmas Vorwürfe gegen den Gnomen und dessen Entschuldigungen können bleiben.]4 Ich bin daher bereit, falls Sie es wünschen, die letzte Idee aufzuopfern. Nur die Tropfsteinhöhle, das Erwachen und Wiedererstarren der Erdnymphen wünschte ich beyzubehalten. Soll Rübezahl vom Rübenzählen derivirt5 werden, so verspreche ich Ihnen, das Zählen der Rüben im letzten Akte hinlänglich zu motiviren, selbst wenn die Verwandlung der6 Rüben in Mädchen vorher nicht stattgefunden hat. Emma muß dann, um den Geist zu entfernen, äussern: sie glaube nicht, daß er, als Gott, hinlängliche Geduld mit ihren menschlichen Schwächen haben werde. Der Geist erwiedert darauf: sie solle ihm die eindringlichste Arbeit auflegen, er werde sie vollbringen. Darauf befiehlt sie ihm, die Unterwelt zu verlassen und auf einem Felde der Oberwelt das sie bezeichnet, die Rüben zu zählen. Er thut es und während dessen entflieht Emma. Am besten scheint es mir aber, wir nehmen auf Musäus7 gar keine Rücksicht und nennen die Oper der Berggeist. So brauchen wir uns auch nicht an das Musäusche Mährchen streng zu binden. Doch auch in dieser Hinsicht, wie Sie es wünschen! Könnten Sie es aber so gestalten, daß die Oper blos drey Akte hätte und Ratibor in das Unterreich dränge, so entstünden daraus, wie es mir scheint, folgende Vortheile: Ratibor bliebe dann nicht unthätig, sondern handelte, wodurch: sein Character erst dramatisch würde. Man nimmt dann mehr Interesse für ihn und auch für Emma, die in der höchsten Noth, in welche sie sich durch Ratibors Erscheinen der Gnomenreiche befindet, die beste Entschuldigung für Ihre Lüge gegen Rübezahl findet. Die größere Spannung entsteht offenbar, wenn Emma Ratibor im Gnomenreiche verbirgt und man weiß, daß von Rübezahls Täuschung das Glück beyder, in seiner Gewalt befindlichen Liebenden abhängt. Würdigen Sie es ferner Ihrer Ueberlegung, ob nicht die Huldigung der Elemente, wenn die Oper vier Akte haben soll, zu prächtig sey für den Schluß des 2ten Aktes. Endigt die Oper schon8 mit einem9 dritten Akt, so kann ich durch die Macht der Schlußereignisse den Glanz des Huldigungsfestes überbieten. Fast unmöglich eben dürfte dieses, so nöthige, Ueberbieten seyn, falls nach dem Feste noch zwey Akt vor sich gehen sollen. [Vide jedoch den Vorschlag auf dem beygelegten Zettel.]10 Dies scheint mir noch ein wichtiger Punkt. Dagegen ist die Introduktion von mir bereits verändert und verkürzt nach Ihrem Wunsche. Auch will ich alle Einschiebsel und zu große Länge der Verse vermeiden.
Wollen Sie mir gestatten, daß ich von Musäus abginge und die Idee von Verzauberung Aufweckung Wiederversteinerung der Erdnymphen und endlich von Lösung des Zaubers und Beseelung der Nymphen ausführte, so sollten Sie ein Oper erhalten, die durch neue Ideen hoffentlich das Interesse aufwöge, das man an dem alten11 dramatischen Mährchen des Musäus nehmen dürfte.
Nehmen Sie diese Bemerkungen so freundlich auf, wie sie aus treuem Herzen gegeben werden. Für den Text der Jessonda danke ich herzlich und bin deshalb in Ihrer Schuld die wir durch Zurechnung tilgen wollen.
Mit vorzüglicher Hochachtung und Freundschaft
ganz der Ihrige

E. Gehe.

Autor(en): Gehe, Eduard
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : <%Der%> Berggeist
Weber, Carl Maria von : <%Der%> Freischütz
Weber, Carl Maria von : Euryanthe
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1823111746

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Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Gehe an Spohr, 22.10.1823, auf den diesem Brief zufolge noch zwei derzeit verschollene Briefe von Spohr an Gehe folgten („so will ich die mir in Ihrem vorletzten Briefe gegebene Erlaubniß […] nicht benutzen“).
Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Gehe an Spohr, 07.03.1824.

[1] Die spätere Oper Der Berggeist, dessen Libretto schließlich jedoch Georg Döring verfasste.

[2] „braunen“ über „grauen“ eingefügt.

[3] Hier gestrichen: „bey“.

[4] Ausdruck in Klammern am unteren Seitenrand eingefügt.

[5]deriviren, ableiten, herleiten“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter entstellenden fremden Ausdrücke, zu deren Verstehn und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 142).

[6] Hier gestrichen: „Mädchen in“.

[7] [Johann Karl August] Musäus, „Legenden von Rübezahl“, in: ders., Volksmährchen der Deutschen, Bd. 2, Prag 1796, S. 3-143.

[8] „schon“ über der Zeile eingefügt.

[9] Hier gestrichen: „kurzen“.

[10] Ausdruck in Klammern am unteren Seitenrand eingefügt.

[11] „alten“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (17.04.2025).