Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Hochwohlgeboren
Herrn General Musik Director Dr. Spohr
in
Cassel1

Dordrecht 10 Oct. 1859.

Mein theurer hochverehrter Herr General Musikdirector!

Mit wirklichem Leidwesen vernehme ich den Inhalt Ihres letzten Briefes. Wohl muß ich die Gründe die Sie von der Reise abhielten als vollgütig anerkennen und gutheißen und doch hätte ich so gern gesehen und war es mir ein so lieber Wunsch daß Sie hierher gekommen wären, um sich auch zugleich von meiner Stellung und von meinen Werksring(???) selbst zu überzeugen, daß ich mit schmerzlichem Bedauern der Freude und der Hoffnung entsagte.
Außerdem vermuthete ich daß Sie damals durch die unruhige und bewegte Zeit in Deutschland weniger Zeit zum Reisen gehabt haben würden und – da es hier ruhige blieb, zum Wenigsten vielmehr als in Deutschland der Fall, so glaubte ich daß eine Reise hierher Ihnen einige Abwechslung und einige frohe Tage verschafft haben würde. Was nun die Kosten anbetreff so würden diese im Vergleich zu der Freude die mir Ihre Gegenwart verursacht haben würde gar nicht in Betracht gekommen sein.
Doch nehme ich gern und mit herzlichen freundlichem Danke Ihre wohlgemeinten Winke an, die ich auch so viel mir immer möglich ist2 benutzen werde.
Mit Herr Kufferath habe ich auch nicht gesprochen, da er den Sommer über gewöhnlich abwesend ist. Außerdem giebt es noch Schwierigkeiten die, soll der Plan zu einer Reise und großer Musikaufführung gelingen, erst beseitig werden müssen. Im Sommer rückt die Concert-Musik (Streichorchester) beinahe zugleich hier im Lande, wie Sie sich selbst bei Ihrer letzten Anwesenheit überzeugt haben werden und im Winter dagegen wird die Reise sehr beschwerlich für Sie sein. Jedenfalls wird Herr Kufferath eben eifrig und freudig wie ich die Mittel ergreifen um unsern beidersetigen Wunsch, den hier gar Viele theilen, zur Ausführung zu bringen, um dadurch die Ehre und das Glück zu haben Sie in unserer Mitte zu sehen.
Gar gern möchte ich nun erfahren wie Sie mein geliebter Herr General Musik Director sich befinden und welche Reisen Sie im Laufe dieses Sommers gemacht haben? Ob Sie ruhige Nächte haben und wie Ihre Stimmung überhaupt ist?
ich habe Dordrecht nicht verlassen und überhaupt einen höchst traurigen Sommer durch gerbacht u nur in fortwährender Beschäfftigung Erhohlung und Zerstreuung gesucht.
Die freundlichen Zeilen von Frau General Musik Director, wofür ich meinen herzlichsten Dank sage, haben mich sehr erfreut da ich draus die liebende Besorgheit für Sie mein theurer geliebter Meister so deutlich ersehe. – Auch für das Programm zu dem schönen u interessanten Concerte in Detmold sage ich vielen Dank. Hätte ich den Doppel Genuß doch damals theilen können, den, Ihrer Gesellschaft und den Musikalischen!
Das Musikfest der „Maatschappij van Toonkunst“ wird nun wohl sicher im nächsten Jahre in Arnheim stattfinden. Leider bin ich nicht weiter dabei betheiligt (aißer wahrscheinlicher Mitwirkung im Orchester) sonst müßte jedenfalls von Ihren Oratorien [auf]geführt werden und dann würde mein Wunsche u di[e] Hoffnnung Sie auch hier zu sehen, wahrscheinlich erfüllt.
So sehr bin ich begierig von Ihnen mein theurer hochverehrter Herr General Musik Director zu hören, daß ich Sie recht dringend um einige Nachricht ersuche, recht als ob Sie mir mir eine besondere Wohl[that] erzeigten! –
Meine allerbesten [G]rüße und Empfehlungn an Frau General-Musikdirector u[nd] an Fräulein Pfeiffer und Ihnen mit meinen herzlich[sten] Wünschen für Ihre dauernde Gesundheit und für Ihr stets Wohl, die Versicherung meiner aufrichtigsten unbegrenzten Hochachtung und Ergebenheit.

Ihr getreuer u gehorsamster
F. Böhme

Autor(en): Böhme, Ferdinand
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Kufferath, Johann Hermann
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1859101040

http://bit.ly/3ojOdNf

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Böhme, 13.06.1859.

[1] Links unten auf dem Adressfeld befindet sich der Poststempel „Franco“, links unter dem Adressfeld der Stempel „CASSEL / 19 / 10 / 1 2N“, rechts darunter „EMMERICH / OBERHAUSEN / 1110 II“, sowie zwei weitere verwischte Stempel.

[2] Hier gestrichen: „mich“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.10.2020).