Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Hochwohlgeboren
Herrn General Musikdirector Dr Spohr
in
Cassel1


Dordrecht 26 Dec 1858.

Hochverehrter Herr General Musikdrector!

Recht leid ist es mir und sicher allen Ihren Freunden und Verehrern daß Sie die Reise nach Wien abgelehnt haben2; die guten Wiener würden sicherlich durch Ihre Gegenwart u durch Ihr Oratorium3 entzückt und enthusiasmirt geworden sein; doch auch Ihre Gründe die Reise im Winter nicht zu unternehmen muß man ehren und billigen u so hoffe ich daß sie im nächsten Sommer durch interessante Reisen pp. doppelt einholen und entschädigt werden.
Für Ihren gütigen, wohlwollenden herzlichen Brief danke ich viel tausend mal. Es macht mich so glücklich wenn ich von Ihnen so freundliche Worte lese.
Von Professor Mandel aus London habe ich mehrere Briefe über denselben Gegenstand wovon ich Ihnen Hochverehrter Herr General Musik Director letzthin schrieb, empfangen der letzte lautet wörtlich:

Kneller Hall 25 Nov. 1858

Geehrter Herr!

Die Zeitung (Holländische Musik. Zeitung worin ich seinen Brief u meinen Protest hatte setzen lassen4) u Ihren werthen Brief habe ich erhalten, wofür ich Ihnen meinen Dank abstatte. (ich hoffe es mir auch erlaubt ihm Ihren gütigen Rath an mich unter der nöthigen Discretion mitzutheilen, denn so ein Nahme wie der Ihrige hat erstaunschlich und schrecklich viel Gewicht u jeder hat Respect davor) Sie dürfen es mir schon nicht übel nehmen, daß ich Ihnen habe so lange auf Antwort warten lassen. Ich bin nämlich 14 Englische Meilen von London, und meine Beschäftigung erlaubt es mir nicht oft zur Stadt zu fahren. Über den Druck Ihrer Schiffahrt habe ich an Herrn Boosey (der Hauptverleger für Militair-Musik in London) nicht sprechen können indem derselbe augenblicklich krank ist. Jedoch hoffe ich denselben die nächste Woche zu sprechen, u werde Ihnen dann das Resultat darüber mittheilen.
Ihre Fantasie ist in den Jahren 1854-1856, während welcher Zeit Herr Schallehn Director im Crystal-Palaste war, öfters aufgeführt worden, wo ich dieselbe auch gehört habe, jedoch da sie mir von Holland aus bekannt war, so hatte ich gar nicht nach dem Programm gesehen, u so weit wußte ich bis Dato nichts von dem Diebstahl, in dem ich Sie auf dem Programm dachte:
Erst im September dieses Jahres wurde dieselbe hier in Kneller Hall in Gegenwart der Königl. Hoheiten der Herzogin von Cambridge (Mutter)5 der Prinzessin Marie von Cambridge6 u der Herzogin von Mecklenburg-Strelitz unter Hr. Schallehns Direction, aufgeführt, u zu meinem Erstaunen Hr. Schallehn als Componist gezeichnet. Bei dieser Gelegenheit wurde nur geschriebene Programme den Königl. Hoheiten überreicht. (ich hatte Hr. Schallehn ersucht mir Programmes, worauf daß Stück stand zu senden um etwas Sicheres, Überzeugendes in Händen zu haben.)
Ich bin überzeugt, mit einer gerichtlichen Ansorge würden Sie gegen den Mann nichts aus richten, indem derselbe augenblicklich ohne Engagement ist. Desto mehr (in einem so belastnen Staate wie England) mit Zeitungs Aritkeln, wobei ich Ihnen zwar erlaube von meinen Mittehilungen vollen Gebrauch zu machen, u bin ich stets bereit, Ihnen ferner behülflich zu sein.
Jeden Artikel darüber, den Sie mir zuzuschicken geneigt sind, werde ich übersetzen u in verschiedene zeitungen einrücken lassen u Ihnen dann zuschicken.

Mich Ihnen pp. C. Mandel.

Erst jetzt ist es mir möglich die Geschichte nach Leipzig zu senden u da ich keine besondere Addr. des Redacteurs der Signale weiß, Herrn Dr. Hauptmann um freundliche Einsendung bitten. –
Noch bin ich von Hrn Lübek im Haag ersucht ihm eine meiner Ouverturen zu senden um dieselbe dort im Diligentia Concert aufzuführen. ich wünsche daß es die 9te in C min sei, die ich im vorigen Herbste bei Ihnen zurück ließ und ich bitte Sie Hochverehrter Herr General Musikdirector recht sehr mir dieselbe gefälligst senden zu wollen. Auch möchte ich, wenn ich nicht unbescheiden bin, mich nach meinem Quatuor erkundigen. Ist es Ihnen möglich gewesen dasselbe anzusehen?
Nun bitte ich noch recht sehr um Verzeihung daß ich Ihnen Meister verplaudert habe. –
Beim Beginn des neuen Jahres wünsche ich Ihnen nun r[echt] viel Liebes und Gute. Ganz besonders wünsche ich Ihnen beständige Gesundheit u fortwährend Heiterkeit u ebenso wünsche ich das Beste u Herzlichste an Frau General Musikdirector und Fräulein Pfeiffer. Indem ich Sie, mein Hochverehrter und geliebter Meister um Ihr fortwährendes Wohlwollen bitte, bleibe ich unwandelbar mit größter Hochachtung und Ergebenheit

Ihr stets getreuer
F. Böhme.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Böhme. Spohr beantwortete diesen Brief am 31.12.1858.

[1] Unter dem Adressfeld befinden sich zwei verwischte Poststempel, rechts über dem Adressfeld der Stempel „CASSEL / 28 / 12 / 1858 / 44 64“.

[2] Vgl. Spohr an Moritz Hauptmann, 06.11.1858.

[3] Der Fall Babylons (vgl. ebd.).

[4] Vgl. „Binnenlandsche berigten“, in: Caecilia <Utrecht> 15 (1858), S. 200.

[5] Augusta Herzogin von Cambridge.

[6] Spätere Herzogin von Teck.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.10.2020).