Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18581205>

Breslau 5 Dezember
1858

Mein hochgeehrter Freund und Gönner!

Seit dem großen Prager Feste1 haben wir keine Zeile gewechselt und es drängt mich zu erfahren, wie Sie sich befinden. Daß es Ihnen wohl geht, nehme ich an, denn von Leipzig aus las ich, daß Sie dort Ihre 3te Sinfonie und die Ouverture zur Jessonda dirigirt haben2, und kann ich nur bedauern, es nicht früher gewußt zu haben, ich hätte mir den Genuß und die Freude, Sie zu sehen, verschafft. In Breslau wird diesen Winter mehr denn je musizirt; 4 vollständige Kapellen geben allwöchentlich Sinfoniekonzerte, so daß deren im Ganzen gegen 100 sind. Ich dirigire nach wie vor die der Theater-Kapelle, des besten hiesigen Orchesters, das jetzt von der Theaterdirektion in den Streichinstrumeuten noch verstärkt ist und herrliche Wirkung macht.3 Ein anderes Orchester heißt die Philharmonie und wird von einem Herrn Dr. Damrosch, der aus Weimar hierherkam, geleitet. Er will die Zukunftsmusik hier einführen und spielte neulich ein Violinkonzert seiner Komposition ganz vorzüglich. Es war dies aber die zukünftigste Zukunstsmusik, sodaß eine sinfonische Dichtung „les Préludes“ von Lißt, welche darauf folgte, wie von Joseph Haydn klang. Sie wären bei diesem Violinkonzert aus der Decke gefahren über diese planlosen Modulationen, Vorhalte, Querstände, formlosen Periodenbau etc. und doch konnte man dem Konzerte Geist und Gemüth nicht absprechen, obwohl es ganz außer dem Bereiche genießbarer Musik lag. Mosevius, Direktor der Singakademie ist im Herbst auf einer Schweizerreise plötzlich am Schlage in Schaffhausen gestorben; er war ein sehr strebsamer, tüchtiger Mann, dessen Aufführungen sich durch geistvolle Auffassung, und Genauigkeit auszeichneten. Neulich lasen wir in unseren Zeitungen, daß Ihr Kurfürst, obgleich Sie seinem Bereiche entrückt, doch noch einmal Gelegenheit gefunden, sich an Ihnen zu reiben, indem er Anstoß daran nahm, daß Sie im Orchester saßen.4 Es setzt dies allen derartigen Geschichten die Krone auf, und haben wir uns sehr darüber amusirt. Sie haben so recht Gelegenheit, in Kassel die Kontraste kennen zu lernen. In anderen Orten empfängt Sie das Publikum stehend, und zollt Ihnen alle nur erdenkliche Verehrung, die einem solchen Heros in der Kunst gebührt, und in Kassel, wo Sie die Tonkunst auf eine so hohe Stufe erhoben — — doch lassen wir das, es ist zu unerquicklich. Die Welt hat darüber gerichtet und Ihre philosophische Ruhe hilft Ihnen gewiß auch über das kleinste unangenehme Gefühl hinweg. In diesen Tagen ließ sich ein Herr Colofanti aus Neapel auf der Ophykleide im Theater hören und entzückte Alles durch seinen edlen Vortrag5, den sich jeder Sänger zum Muster nehmen kann; ich habe dergleichen noch nicht gehört; dabei besitzt er eine so fabelhafte Virtuosität reinster Art, daß man immer von Neuem erstaunt. Nun mein verehrter Gönner, schreiben Sie mir bald, und empfehlen Sie mich den Ihrigen (vor allem Ihrer Frau Gemahlin) hochachtungsvoll.
Wie immer

Ihr dankbarer Verehrer
A. Hesse.

Hr. Scheel baut ein Pianino 1ster Qualität für Hr. Banquier Eichhorn in Breslau, wo ich unterrichte.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 02.04.1858. Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 03.04.1859.

[1] Vgl. August Wilhelm Ambros, Das Conservatorium in Prag. Eine Denkschrift bei Gelegenheit der fünfzigjährigen Jubelfeier der Gründung, Prag 1858.

[2] Vgl. „Leipzig”, in: Süddeutsche Musik-Zeitung 7 (1858), S. 178f., hier S. 179.

[3] Vgl. Heinrich Gottwald, „Aus Breslau”, in: Neue Zeitschrift für Musik 49 (1858), S. 271f, und 281ff., hier S. 282.

[4] Noch nicht ermittelt, vgl. aber Nürnberger Kurier 29.11.1858, nicht paginiert.

[5] Vgl. „Aus Wiesbaden”, in: Süddeutsche Musik-Zeitung 10 (1861), S. 170.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.05.2016).